Wie schlimm ist die Krise bei VW?
Der kriselnde VW-Konzern plant drastische Einschnitte. Bis zu 50.000 Stellen könnten laut VW-Chef Oliver Blume wegfallen, Werke stehen auf der Kippe. Vor allem die wachsende Konkurrenz aus China setzt den Konzern unter Druck. Die Presse sieht schwierige Zeiten voraus.
Hausaufgaben nicht gemacht
Die Krise primär mit den Kosten am Standort Deutschland zu erklären, ist zu einfach, schreibt die Frankfurter Rundschau:
„Die deutschen Hersteller haben die technologische Zeitenwende zu spät ernst genommen. Zu lange verdienten sie glänzend mit großen und teuren Verbrennern. Währenddessen bauten chinesische Konzerne Kompetenzen bei E-Antrieben, Batterien und Software auf. ... Nun drängen chinesische Hersteller mit technisch guten und oft günstigeren Elektroautos nach Europa. Das ist auch die Quittung dafür, dass deutsche Konzerne ihre Hausaufgaben nicht erledigt haben. ... Die Autoindustrie kann ihre Krise überwinden. Aber sie wird nie wieder die Dominanz früherer Jahrzehnte besitzen; dafür ist China zu stark geworden.“
Die Luft wird dünner
Der Standard macht eine düstere Bestandsaufnahme:
„Die Gewinne von Deutschlands größtem Konzern und Arbeitgeber haben sich in China so gut wie in Luft aufgelöst, US-Präsident Donald Trump hat mit den Zöllen für Milliardenkosten in den USA gesorgt, und in Europa machen sich immer mehr chinesische Hersteller breit. Letzteres haben die Deutschen offenen Auges übersehen. Dazu kommen die hohen Kosten für die technologischen Umwälzungen und für Fabriken, die nicht ausgelastet sind. Auch wenn VW in Europa mit Abstand Marktführer ist: Die Luft wird dünner und dünner.“
Der Trend ist nicht aufzuhalten
Reflex blickt zurück und in die Zukunft:
„Als im Oktober 1985 in Shanghai die Produktionslinie für den Volkswagen Santana anlief, wurde dies im Reich der Mitte und im Westen als beispielloses Ereignis gefeiert. Westliche Technologie wurde nach Fernost transferiert, die Chinesen lernten, Autos mit hohen Standards zu produzieren. ... Heute ist China der größte Automobilhersteller der Welt. ... Aktuell halten chinesische Automobilhersteller einen Marktanteil von rund elf Prozent am europäischen Neuwagenmarkt. Bei Hybridfahrzeugen wird dieser Anteil bald bei zwanzig Prozent liegen. Die Verkaufszahlen chinesischer Autos steigen stetig, und nichts scheint diesen Trend aufhalten zu können.“
Deutschland darf nicht Wolfsburg werden
Für den Tagesspiegel spiegelt sich in der Krise des VW-Konzerns das Dilemma Deutschlands:
„Gemeinsam ist der Bundesrepublik und dem Wolfsburger Autobauer, dass sie die Probleme jahrelang auf sich zurasen sahen, aber nur zögerlich umsteuerten. ... Es ist vielleicht die letzte Chance, zu zeigen, dass Deutschland nicht den Weg von VW gehen muss. Die Zeit schmerzloser Kompromisse ist vorbei. Scheitert der Versuch, Rente, Pflege und Steuersystem für kommende Generationen neu aufzustellen, und die deutsche Wirtschaft langfristig wettbewerbsfähig zu halten, hätte das politische Konsequenzen. Die Herausforderungen würden bleiben. Aber es wären wohl nicht mehr die demokratischen Parteien, die sie zu lösen hätten. Dann hätte Deutschland ein echtes Problem. VW wäre noch das geringste davon.“