Frankreich: Freundschaft so wichtig wie Familie?
Clémence Guetté, Abgeordnete der Partei La France Insoumise, hat ein Buch veröffentlicht, in dem sie dafür plädiert, freundschaftliche Beziehungen neben Ehe, eingetragener Partnerschaft und Verwandtschaft rechtlich anzuerkennen. In "Für eine Politik der Freundschaft" schlägt sie unter anderem vor, dass Menschen einen Partnerschaftsvertrag miteinander schließen können, in dem sie sich verpflichten, füreinander zu sorgen. In französischen Medien ist viel Kritik daran zu lesen.
Es gibt dringendere Themen
LFI lenkt von den drängenden Problemen Frankreichs ab, wettert der Ökonom Thibault Prébay in Le Figaro:
„Frankreich hat ein horrendes Defizit von fast 150 Milliarden Euro pro Jahr. ... Wenn eine der Wirtschaftsexpertinnen der Partei das Wort ergreift, erwarten wir eine haushaltspolitische Vision. ... Leider bekommen wir nur eine Schwarz-Weiß-Erzählung und eine karikaturistische Darstellung von Freundschaft, von den 'guten Linken' und den 'Bösen' (sprich: die extreme Rechte). Und zusätzliche Ausgaben. ... Das war’s. Eigentlich könnte dieses Buch den Titel 'Das Ausweichen' tragen. Es geht auf keines der Themen ein, die Frankreich beschäftigen. … Es beansprucht lediglich die Medienpräsenz für sich. … Das mag vielleicht funktionieren, um die Linke einzunehmen, aber nicht, um Frankreich zu helfen.“
Auslieferung an Staat und Markt
So wird Freundschaft zu einer Dienstleistung, kritisiert Pierre-Romain Thionnet, Europa-Abgeordneter der Fraktion Patrioten für Europa, in Boulevard Voltaire:
„Mit ihrem Vorschlag, Freundschaft in eine Dienstleistung umzuwandeln, weitet Guetté lediglich die Vertragslogik und den Einfluss des Rechts aus – Phänomene, die schon immer den Weg für den Markt geebnet und dazu geführt haben, dass das Gute und Kostenlose durch das ersetzt wird, was einen Wert hat. ... Guetté macht sich zum Sprachrohr der vorherrschenden Ideologie, die die Zersplitterung jener Gemeinschaften vorangetrieben hat, die Schutz vor den Begehrlichkeiten des Marktes boten. Durch die Institutionalisierung des Freundes hat Guetté den Feind benannt: die Familie, aber auch die Freundschaft als ein Phänomen, das bisher vom gleichzeitigen Eindringen von Staat und Markt verschont geblieben ist.“