Brasilien: Bolsonaro flieht in die USA
Nach seiner Niederlage bei der Präsidentschaftswahl hat sich Flávio Bolsonaro in die USA abgesetzt. Der gescheiterte Kandidat der brasilianischen Rechten spricht von Wahlmanipulation und politischer Verfolgung und bezeichnete sich auf X als "Anführer Brasiliens". Kritiker werfen ihm dagegen vor, sich der Justiz entziehen zu wollen. Kommentatoren fragen, was diese Flucht bedeutet.
Ein Glück, dass dieser Mann nicht Präsident ist
Bolsonaro wäre für das Amt des Staatsoberhauptes unwürdig gewesen, betont der Tages-Anzeiger:
„Jetzt ist er also weg. Die spektakuläre Flucht von Flávio Bolsonaro in die USA zeigt: Es ist ein Glück, dass die Brasilianerinnen und Brasilianer diesen Mann nicht zum Präsidenten gewählt haben. Noch am Montag hat er schamlos gelogen: Er werde selbstverständlich in Brasilien bleiben und die Interessen seiner Wähler vertreten. ... Ebenso unwürdig ist sein Versuch, Zweifel an der Rechtmässigkeit der Wahl zu säen. Weder die längere Öffnung der Wahllokale noch Lulas sozialpolitische Entscheidungen als Präsident haben die Abstimmung auf unfaire Weise beeinflusst. Dass Bolsonaro jetzt von 'gekauften Stimmen' raunt, belegt, dass dieser Mann wie sein Vater keine Skrupel kennt, die Demokratie zum eigenen Vorteil auszuhöhlen.“
Verbrecher hier, Justizopfer dort
Beim Blick auf die Flucht Bolsonaros prallen zwei Deutungen aufeinander, analysiert die Neue Zürcher Zeitung:
„Ist Flávio Bolsonaro ein Verbrecher und ein Feigling, der sich mit seiner Flucht in die USA seiner gerechten Strafe entzieht? Oder ist der gescheiterte Präsidentschaftskandidat der brasilianischen Rechten ein Opfer seiner linken Gegner und der Justiz, die mit diesen verbandelt ist? Ein Opfer, dem gar nichts anderes übrig blieb, als sich vor einer ungerechten Strafverfolgung mit absehbarem Ausgang in Sicherheit zu bringen? Beide Deutungen haben in Brasilien überzeugte Verfechter – je nachdem, auf welcher Seite des polarisierten politischen Spektrums sie stehen. Eine abschliessende Bewertung der Vorgänge ist derzeit nicht möglich, zu nebulös ist die Affäre.“
Plant der Junior einen Putsch?
Bolsonaro junior könnte eine Wiederholung des Umsturzversuches seines Vaters aushecken, meint Polityka:
„In Flavios Flucht lässt sich leicht eine Wiederholung der Ereignisse nach der vorangegangenen Wahl erkennen. Im Dezember 2022 verlor Jair Bolsonaro, Vater und Oberhaupt des Familienclans, die Wahl – ebenfalls gegen Lula – und reiste, da er nicht an der Machtübergabe teilnehmen wollte, in die USA – angeblich, um Urlaub zu machen. ... Bolsonaros Leute [organisierten] eine Woche nach der Vereidigung von Lula am 8. Januar 2023 einen Angriff auf die Gebäude der drei Staatsgewalten in der Hauptstadt des Landes. ... Flavios Flucht wirft die Frage auf: Hat er im Land eine 'Bombe' zurückgelassen, ähnlich der, die am 8. Januar 2023 explodierte? Und wird sich diese Farce wiederholen?“