Zweite Welle: Streit um die Schulen

Mit steigenden Infektionszahlen und einer teilweise unkontrollierten Ausbreitung des Coronavirus in einigen Regionen Europas wird der Ruf nach Schulschließungen wieder lauter. Anders als im Frühjahr wollen viele Regierungen in der aktuellen Welle die Bildungseinrichtungen möglichst offen halten, um negative Folgen für Kinder und Jugendliche zu vermeiden. Doch wie lange lässt sich das durchhalten?

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Die Presse (AT) /

Es muss einen Mittelweg geben

Schulschließungen bremsen zwar die Ausbreitung des Virus, aber auch den Lernfortschritt der Schüler, meint Die Presse:

„Aus rein epidemiologischer Sicht ist so eine Schulschließung eine effektive Möglichkeit der Eindämmung: Mit einem Schlag zieht man Hunderttausende Menschen aus dem Verkehr - Lehrer, Schüler, deren Eltern, die dann wirklich zu Hause bleiben müssen. Für eine Regierung eine verlockende Möglichkeit, die Pandemie so schnell wie möglich in den Griff zu bekommen. ... Neben epidemiologischen kommen aber auch noch andere Kriterien hinzu - jene der Bildung, des Soziallebens. Der Lernfortschritt ist in der Schule zweifellos besser, der tägliche Kontakt zu anderen Kindern ebenso wünschenswert. ... Vielleicht versucht man es im Sinne der Kinder, der Eltern und der sie beschäftigenden Betriebe aber doch noch einmal mit gelinderen Mitteln: Man lässt immerhin die Volksschulen offen.“

Denik (CZ) /

Beide Seiten haben ihre Gründe

In Tschechien sind die Schulen derzeit geschlossen, doch es wird von vielen gefordert, sie schnellstmöglich wieder zu öffnen. Deník meint:

„Schulen verfügen mittlerweile über Erfahrungen und Mittel, um der Ansteckungsgefahr zu begegnen. Die Schüler könnten den Unterricht über und in den gemeinschaftlichen Räumen der Schule Maske tragen. Schulen können wirksam desinfiziert werden. Man kann auch in kleineren Gruppen lernen. ... Gegen eine Öffnung der Schulen spricht, dass diese im September erwiesenermaßen zu den Gründen gehörte, weshalb die zweite Coronawelle so erschreckend verläuft. ... Auch wenn die Hygiene dort heute sehr viel schärfer wäre: Kinder können mit dem Virus infiziert sein, ohne sich gegenseitig anzustecken. Aber sie können die Krankheit auf ihre Eltern und Großeltern übertragen.“

Lrytas (LT) /

Einfalls- und verantwortungslos

Dass es in Litauen keine einheitlichen Regeln für die Schulen gibt, empört den Lehrer Aivaras Dočkus in einem Gastkommentar in Lrytas:

„Es ist enttäuschend, dass in dieser schwierigen Lage der Premierminister, die Gesundheits- und Bildungsminister und die Regierung sich selbst aus der Verantwortung entlassen und diese auf die Kommunen und Schulen schieben. Die müssen selbst über Maßnahmen entscheiden. ... Es gibt derzeit keine realen Maßnahmen bis auf den Fernunterricht. ... Es ist enttäuschend, dass man sich oft einfach für das entscheidet, was einem so zuerst einfällt. Oder das, was gesellschaftlich akzeptiert ist und in Medienberichten positiv auffällt. Es ist enttäuschend, dass die Ratschläge der Epidemiologen frei interpretiert werden, oft je nachdem, welche Finanzen und Kompetenzen man (nicht) hat.“