Doch nix mit Disco: Jojo-Politik in den Niederlanden

Vor drei Wochen hatten die Niederlande fast alle Corona-Beschränkungen aufgehoben. So durften auch Clubs und Discos erstmals seit über einem Jahr wieder öffnen. Dann meldete die Gesundheitsbehörde vergangenen Samstag 10.000 Neuinfektionen und Premier Mark Rutte sah sich gezwungen, zurückzurudern. Er und Gesundheitsminister Hugo de Jonge entschuldigten sich am Montag für die "Jojo-Politik".

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NRC Handelsblad (NL) /

Nicht anders als Portugal oder Großbritannien

Der Kniefall war notwendig, meint NRC Handelsblad:

„Hoffentlich hört die Regierung nun besser auf den gesunden Menschenverstand. Schon vor drei Wochen gab es Signale, wie die schnelle Ausbreitung der Deltavariante in Großbritannien, Portugal und Spanien. Die Abschaffung der Maskenpflicht verstärkte den Eindruck, dass die Gefahr gebannt sei und die Niederlande anders als der Rest der EU seien. Man kann argumentieren, solange die Krankenhaus-Einlieferungen nicht zunehmen, ist wenig los. Außerdem infizieren sich nun vor allem Jüngere, die ein geringeres Risiko für eine stationäre Behandlung haben. Aber was ist, wenn sie andere, noch nicht oder erst teilweise Geimpfte anstecken?“

De Volkskrant (NL) /

Wie Geisterfahrer auf der Autobahn

Die Bitte um Verzeihung ist nichts wert, höhnt Volkskrant-Kolumnist Frank Heinen:

„Das war keine Entschuldigung, sondern höchstens eine weitschweifige Erklärung über stockende Impfzahlen in einigen Gebieten, und Jugendliche, die Ältere infizieren. ... De Jonge und Rutte sind wie die Männer aus dem alten Witz, die im Autoradio die Warnung vor einem Geisterfahrer hören, worauf einer ruft: 'Einer? Ich sehe mindestens 80!' Nach dem unvermeidlichen Aufprall erhält man ein abstraktes Sprachkunstwerk, das als Entschuldigung verkauft wird, aber das - wenn man es verkehrt herum aufhängt - auch als Eigenlob durchgehen kann.“

De Morgen (BE) /

Tödlich fürs Vertrauen

Auch in Belgien nehmen die Infektionszahlen zu, vor allem durch Jugendliche, die aus dem Urlaub in Spanien zurückkommen. De Morgen mahnt trotzdem zur Gelassenheit:

„Gesellschaft und Politik müssen ein neues Gleichgewicht suchen bei der Risikoanalyse. Wenn wir weiterhin bei jeder erkrankten Person verkrampfen, können wir uns endgültig von der Freiheit verabschieden. Belgien fährt bisher einen relativ ruhigen Kurs, mit der schrittweisen Einführung von Lockerungen. Hier gibt es keinen Minister, wie in den Niederlanden, der komische Texte gegen die Maskenpflicht singt. Die Niederlande zeigen uns, wie man es nicht tun muss. Erst fröhlich voraus laufen mit den Lockerungen, dann in Panik zurückkriechen: Das ist tödlich für das Vertrauen in die Politik.“