Steht ein US-Angriff auf den Iran bevor?

Nach der blutigen Niederschlagung der Massenproteste im Iran mehren sich die Anzeichen, dass in Kürze eine militärische Reaktion der USA erfolgen könnte. US-Präsident Donald Trump ließ den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln und begleitende Kriegsschiffe in die Region verlegen. Teheran drohte für den Falle eines Angriffs mit einem "Krieg mit allen Mitteln". Kommentatoren fragen nach den Motiven für einen Militärschlag.

Alle Zitate öffnen/schließen
La Repubblica (IT) /

Atomabkommen das eigentliche Ziel

Ein entscheidender Schlag erfolgt nur unter bestimmten Bedingungen, glaubt La Repubblica:

„Das Szenario ist komplex und deutet darauf hin, dass Trumps Priorität darin besteht, Zugeständnisse von den Ajatollahs zu erreichen, ohne zu den Waffen zu greifen: Er strebt ein Atomabkommen und ein Moratorium für die Hinrichtung von Demonstranten an. Ein Angriff würde nur dann erfolgen, wenn die Möglichkeit bestünde, dem schiitischen Regime einen 'entscheidenden Schlag' zu versetzen – wie der Präsident gesagt haben soll. Sollten die Geheimdienste eine Gelegenheit sehen, den Obersten Führer Chamenei oder die Anführer der Revolutionsgarden zu töten, könnte der Befehl zum Handeln erteilt werden.“

L'Obs (FR) /

Kein Spielraum für einen Deal

Der US-Präsident steckt in der Klemme, analysiert L’Obs:

„Wenn er jetzt angreift, läuft er Gefahr, eine Welle des Nationalismus zu provozieren, das eine noch brutalere Repression rechtfertigen würde. Die Regierenden der Golfstaaten haben ihn gewarnt: Jegliche US-Intervention würde die gesamte Region destabilisieren. Greift er nicht an, lässt er die im Stich, die er zum Aufbegehren ermutigt hat und liefert sie einem in Bedrängnis geratenen Regime aus. … Diese Sackgasse offenbart die Grenzen seiner Diplomatie angesichts eines Aufstands: Es ist unmöglich, einen Deal abzuschließen, wenn die Gegenseite Verhandlungen verweigert und der Preis dafür Tausende Menschenleben sind. Der trauernde Iran wartet mit angehaltenem Atem darauf, dass die unerträgliche Ungewissheit endlich ein Ende hat.“

La Stampa (IT) /

Menschenrechte nur moralischer Rahmen

Um die getöteten Demonstranten geht es Trump nicht in erster Linie, urteilt La Stampa:

„Mit seiner gestrigen Botschaft auf Truth stellte Trump eine klare Bedingung an den Iran. Sollte Teheran nicht über sein Atomprogramm verhandeln, sei die militärische Option wieder im Gespräch. Die Botschaft verdeutlicht, dass der US-Druck nicht darauf abzielt, die interne Repression zu beenden, sondern ein Atomabkommen zu erzwingen. Der Verweis auf die getöteten Demonstranten schafft einen moralischen Rahmen; das eigentliche Ziel ist jedoch, Irans Fähigkeit, Atomwaffen zu entwickeln, einzuschränken. Die Botschaft hat ihr Ziel erreicht. Teheran erklärt sich dialogbereit, jedoch nur auf der Grundlage gegenseitigen Respekts, und warnt, dass es im Falle von Druck 'wie nie zuvor' reagieren werde.“