Wie wirken sich die steigenden Energiepreise aus?
Der Konflikt in Nahost lässt die Preise für Öl und Gas steigen. Drohungen des Irans führen dazu, dass sich Tankschiffe auf beiden Seiten der Straße von Hormus stauen. Nach dem Lieferstopp des wichtigen Förderlandes Katar ist der Preis für Flüssigerdgas (LNG) an der Amsterdamer Börse von unter 32 Euro pro Megawattstunde am Freitag auf vorübergehend über 62 Euro am Dienstag gestiegen. Europas Presse lotet kurz-, mittel- und langfristige Konsequenzen aus.
Schon eine ernste Drohung hat desaströse Folgen
Um die Straße von Hormus sorgt sich Hospodářské noviny:
„Diese Lebensader der Weltwirtschaft ist an ihrer engsten Stelle nur etwas über 50 Kilometer breit und nicht tiefer als 220 Meter. Der Schiffsverkehr ist daher leicht durch Minen und Angriffe durch Boote oder Hubschrauber bedroht, ganz zu schweigen von Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen. Iran hat mehrmals mit einer Blockade der Straße gedroht, diese jedoch nie umgesetzt, da dies den Zorn der USA, der Golfstaaten und letztlich der ganzen Welt auf sich ziehen würde. Die Iraner müssen jedoch nicht einmal zu den Waffen greifen; es genügt, ausreichend zu drohen. Den Rest erledigen die Versicherungsunternehmen. Dadurch wird die Durchfahrt durch die Straße so teuer, dass sie sich für keine Reederei mehr lohnt.“
Ausstieg aus russischem Gas steht infrage
In IQ nimmt die Ökonomin Greta Ilekytė die Folgen einer Erdgas-Knappheit unter die Lupe:
„Nach einem außergewöhnlich kalten Winter sind die Gasvorräte in Europa geringer als gewöhnlich. ... Bei anhaltender Störung der Lieferungen durch die Straße von Hormus nähme der Wettbewerb um LNG zu. Wahrscheinlich würden Schiffe aus den USA mit ursprünglichem Kurs auf Europa in asiatische Länder umgeleitet. Bleiben die Erdgaspreise hoch, wird sich das nicht nur auf Verbraucher auswirken, sondern auch auf Unternehmen. ... Die EU hat sich verpflichtet, bis Ende nächsten Jahres den Import russischen Gases vollständig einzustellen. Steigende Energiepreise könnten jedoch den politischen Druck erhöhen, diese Entscheidung zu überdenken oder zumindest zu verschieben.“
Der Unmut wird schnell wachsen
The Irish Times analysiert:
„Insbesondere in Washington könnten steigende Kraftstoffpreise die öffentliche und politische Besorgnis über Trumps Entscheidung zur Intervention noch verstärken. Auch von Verbündeten im Nahen Osten und von Staaten weltweit dürfte der Druck auf die USA wachsen, sollte sich der Krieg hinziehen. Für Irland sind die Gefahren trotz unserer Entfernung zum Konfliktgebiet dieselben wie für andere Industrieländer. Höhere Ölpreise werden sich an den Zapfsäulen und bei den Heizkosten bemerkbar machen, auch wenn es keine Rechtfertigung für Unternehmen gibt, die vorauseilend bereits erhebliche Preiserhöhungen vorgenommen haben.“
Teheran kennt die wunden Punkte
Libération kommentiert:
„Die iranische Führung weiß, dass die Zeit auf ihrer Seite steht. Teheran könnte das Leid in die Länge ziehen, indem es 'weiche Ziele' in den Nachbarländern angreift, wie etwa Hotels oder Energieinfrastrukturen, und den globalen Seehandel behindert. ... Das wäre eine Strategie, um die Kriegskosten zu erhöhen. Inflation, Rückgang des Handels, Zinserhöhungen durch die Zentralbanken, Anstieg der Kreditkosten – das würde eine weltweite Krisenspirale auslösen. Noch ist man nicht so weit, aber mehr noch als Todesopfer oder das geopolitische Gleichgewicht ist es vor allem der wirtschaftliche Druck, der Trump schließlich von der Einstellung des Krieges überzeugen könnte.“
Klimapolitik ist auch Sicherheitspolitik
Durch den Iran-Krieg wird einmal mehr deutlich, wie verwundbar Europa durch seine Energie-Abhängigkeit ist, führt die Süddeutsche Zeitung an:
„Dabei hatte die von Russland verursachte Energiepreiskrise vor vier Jahren schon genug Gründe für einen schnelleren Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas geliefert. Das ist auf einem rohstoffarmen Kontinent das stärkste Argument für die grüne Transformation: Die Energieabhängigkeit macht verwundbar und so Klimaschutz zur geostrategischen Entscheidung. Klimapolitik ist Sicherheitspolitik. Wenn es Europa mit seinen Ambitionen auf Selbstverteidigung und Abschreckung ernst meint, muss es sich aus den Zwängen befreien, die fossile Brennstoffe bedeuten.“