Iran nach Laridschanis Tod: Wankt das Regime?

Im Iran ist der einflussreiche Sekretär des Sicherheitsrats Ali Laridschani bei einem Luftangriff ums Leben gekommen. Auch bleibt das Schicksal des Obersten Führers unklar: Modschtaba Chamenei hat sich nach dem Tod seines Vaters Ajatollah Ali Chamenei nie gezeigt. Die Medien erörtern, ob das iranische Regime Bestand haben kann, wenn durch die anhaltenden Angriffe Israels und der USA seine Führungsriege eliminiert wird.

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Tages-Anzeiger (CH) /

Einer der letzten möglichen Verhandler

Der getötete Larijani war eine zentrale Figur des Systems, aber immerhin offen für Diplomatie, resümiert der Tages-Anzeiger:

„Er soll der Verantwortliche gewesen sein für die brutale Niederschlagung der Proteste im Januar. Larijani galt schon vor dem Tod Khameneis als derjenige, der das Land im Grunde regierte ... und wenige Tage vor den Angriffen von den USA und Israel zu letzten Vermittlungen in den Oman flog. Sein Tod wird das Regime schwächen; ob es dadurch seine Richtung verändern wird, ist eine andere Frage. ... Zuletzt war Larijani auch kein Pragmatiker mehr. Aber vielleicht war er einer der Letzten, mit denen man überhaupt darüber hätte verhandeln können, wie ein Ende dieses Krieges aussehen könnte.“

El País (ES) /

Theokraten könnten zu neuer Stärke finden

El País sieht Chancen, dass die iranische Machtbasis den Abnutzungskrieg überdauert:

„Die Theokraten haben sich jahrzehntelang auf diesen Moment vorbereitet und riesige Mengen an Drohnen und anderen Waffen angehäuft, die ihnen einen langfristigen Vorteil verschaffen. Die militärischen Kapazitäten der USA sind zwar höher entwickelt, aber langsamer und teurer in der Produktion. … Die USA und Israel müssen sich beeilen, um Irans Raketenabschusssysteme und Drohnenfabriken zu zerstören, bevor die Bestände der Patriot-Einheit aufgebraucht sind. … Sollte das theokratische Regime überleben – was nach zwei Wochen wahrscheinlich erscheint –, wird Trump den Nahen Osten nicht umgestaltet, sondern einen seiner gefährlichsten Akteure stabilisiert haben.“

Echo (RU) /

Ein Verräter in Teheran würde das Blatt wenden

Politologe Wladimir Pastuchow spekuliert in einem von Echo übernommenen Telegram-Post über die Möglichkeit von Verrat in der Führung:

„Das Ziel der iranischen Führung ist es, die Macht und die Lage unter Kontrolle zu halten, um ihr eigenes Leben und ihr Vermögen zu sichern. ... Nehmen wir aber einmal an, dass bei jemandem aus der iranischen Führung die Nerven versagen und er beschließt, mit Trump zu verhandeln. ... Die einzige Möglichkeit für einen für Trump akzeptablen Abschluss des Golfkriegs könnte nur der Verrat eines Einzelnen in Teheran sein. Ehrlich gesagt interessiert mich ab diesem Moment mehr, was die CIA in diesem Krieg tut, als das Kriegsministerium selbst.“

Kirill Rogov (RU) /

Es bleibt nur die Verzweiflung der Verdammten

Politologe Kirill Rogow schreibt auf Facebook:

„Die Führer des Regimes können sich nicht vor den israelischen Raketen verstecken, obwohl sie wissen, dass ihnen tödliche Gefahr droht. Heute wiederholen alle dieses Mantra, dass das Regime eher institutionell als personalistisch sei – aber mal ehrlich, die Führer des Regimes sind doch seine wichtigsten Institutionen. Und vor dem Hintergrund ihres Niedergangs wirkt die kriegerische Entschlossenheit der Revolutionsgarden nicht mehr als Zeichen der Stärke, sondern als Verzweiflung der Verdammten, und das ist nicht gerade das, was die Massen und die mittleren Kommandostufen begeistert.“

To Vima (GR) /

Erosion des Machtkerns ist notwendig

Die Politikwissenschaftlerin Vassiliki Georgiadou zieht in To Vima Lehren aus dem Arabischen Frühling:

„Die Erfahrungen des Jahres 2011 haben gezeigt, dass eine massive soziale Mobilisierung als Krisenbeschleuniger wirken kann, wobei der letztendliche Ausgang davon abhängt, ob das Militär und die Ordnungskräfte weiterhin geschlossen auftreten. Wo diese zerfallen oder neutralisiert werden, wird ein Übergang möglich; wo sie intakt bleiben, setzt sich Repression oder eine erneuerte Form autoritärer Herrschaft durch. Für Länder wie den Iran bedeutet dies, dass das Ausmaß der Proteste eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung ist – entscheidend ist die Erosion des theokratischen und militärischen Machtkerns.“