Ungarn: Was hat Viktor Orbán jetzt vor?
Der abgewählte Ministerpräsident Viktor Orbán hat auf sein Abgeordnetenmandat verzichtet. Er möchte sich nun um die "Neuorganisation des nationalen Lagers" kümmern und auch weiterhin die Fidesz-Partei anführen. Sein Nachfolger Péter Magyar warnte hingegen vor einer "Mafia" aus dem Orbán-Umfeld, die nun versuche, Milliardensummen ins Ausland zu transferieren und sich abzusetzen.
Er will nicht zur Zielscheibe zu werden
Hvg erklärt Orbáns Kalkül:
„Wenn man seine Einstellung kennt, kann man auch diesmal mit Sicherheit sagen: Seine Machtambitionen hat er nicht aufgegeben. Es geht eher darum, dass er die Realitäten abgewogen hat: Als Mitglied der 52-köpfigen Minifraktion von Fidesz hat er keinen wesentlichen Einfluss auf die gesetzgeberische Arbeit. ... Und es würde ihm wohl kaum gefallen, sich ständig der Gefahr auszusetzen, dass die Redner der Regierungspartei im Parlament ihre Kritik an ihn richten. Er hat das schon einmal erlebt und weiß, wie es ist, wenn man als Oppositionsabgeordneter zur Zielscheibe wird.“
Kompletter Rückzug wäre angebracht
Orbán will sich nicht eingestehen, dass er an seiner Niederlage selber schuld ist, meint Népszava:
„Er hat die Aufgabe der Neuorganisation der Rechten übernommen, obwohl es stilvoller gewesen wäre, in den Hintergrund zu treten. Er hat eine selten schwere Niederlage erlitten, und zwar, weil er einen Fehler nach dem anderen begangen hat. Wie sehr auch immer er versucht, die Ursachen des Scheiterns von sich zu schieben, hat er es in Wirklichkeit selbst verursacht.“
Zusammenbruch eines Imperiums
Fidesz ist völlig am Ende, urteilt Forum24:
„Orbáns System, das jahrelang ewig schien, gleicht nun einer Festung, aus der die Eliten durch Seitenausgänge fliehen. ... Wenn sie Vermögen über die Grenze schaffen, wenn mehr als die Hälfte der Parlamentsfraktion die Flucht ergreift und die staatlichen Medien über den Zerfall des Regimes berichten – dann ist das nicht mehr nur das Ende einer Ära. Das ist der Zusammenbruch eines Imperiums.“
Es gibt Gründe, das Land zu verlassen
Der Standard sieht den Abgewählten schon im Exil:
„Die Wiederherstellung der Unabhängigkeit ... des ungarischen Justizsystems könnte schnell die Quellen und die Dimensionen des Vermögens der Familie und der Freunde Orbáns entlarven. Manche Kommentatoren fragen sich, ob Orbán von einer geplanten USA-Sommerreise überhaupt zurückkommen würde. Nach seiner Wahlniederlage vor zwanzig Jahren hatte er durch den Aufbau einer neuen Oppositionsbewegung die Bedingungen für den Triumph von 2010 geschaffen. Angesichts der jetzt hinterlassenen moralischen und wirtschaftlichen Trümmerlandschaft scheint seine Flucht vor der Verantwortung eine realistischere Option zu sein als ein neuerlicher Führungsanspruch.“