9. Mai: Moskauer Parade ohne Panzer und Raketen

Am 9. Mai wird in Russland traditionellerweise eine Militärparade abgehalten, um den Sieg über Nazi-Deutschland 1945 zu feiern. Erstmals soll sie in diesem Jahr ohne schweres Kriegsgerät stattfinden. Die Vorführung entfalle wegen der "operativen Lage", teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Hintergrund ist wohl die Sorge vor Drohnenangriffen aus der Ukraine.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE) /

Eingeständnis von Verletzbarkeit

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beobachtet eine Entwicklung:

„Vergangenes Jahr handelte das russische Regime aus einem demonstrativen Gefühl eigener Stärke. Nun sieht es sich offensichtlich in der Defensive. Dass der Kreml wegen der Gefahr ukrainischer Drohnenangriffe darauf verzichtet, militärisches Gerät über den Roten Platz rollen zu lassen, und zum 'Tag des Sieges' das mobile Internet im halben Land abschaltet, ist ein bemerkenswertes Eingeständnis von Verletzbarkeit.“

Gazeta Wyborcza (PL) /

Ein Angriff wäre gerechtfertigt

Selenskyj hätte jedes Recht, die Siegesparade angreifen zu lassen, meint Gazeta Wyborcza:

„Wladimir Putin einigte sich mit Donald Trump, nicht jedoch mit Wolodymyr Selenskyj darauf, dass am 9. Mai eine vorübergehende Waffenruhe gelten solle, wenn er [auf der Siegesparade] unter freiem Himmel stehen wird. Der ukrainische Präsident reagierte darauf mit der Ankündigung einer 'Ruhephase', bereits von Mittwoch bis Sonntag. Moskau antwortete auf seine Weise mit voller Arroganz und griff die Ukraine am Mittwoch mit Drohnen und Gleitbomben an. Damit verlieh es Selenskyj das volle moralische Recht, sein Versprechen einzulösen, dass die Ukraine keinerlei militärisches Gerät bei der diesjährigen Siegesparade — die lediglich auf den Vorbeimarsch von Militärhochschul-Kadetten beschränkt ist — dulden wird.“

Tages-Anzeiger (CH) /

Pendel schlägt gerade Richtung Ukraine aus

Laut dem Tages-Anzeiger ist Kyjiw dabei, gegenüber Moskau Oberwasser zu gewinnen:

„Militärisch ist in Russlands Kampf gegen die Ukraine auf keiner Seite mit grossen Durchbrüchen zu rechnen. Aber die Ukraine hält noch immer aus, sie hat zuletzt sogar kleinere Geländegewinne gemacht, greift, inspiriert vom Iran-Krieg, Öl-Anlagen an und lässt schwarzen Regen auf Russland niedergehen. Der so oft prognostizierte Zusammenbruch der Ukraine war womöglich nie weniger wahrscheinlich als jetzt. Und nun hat Selenskij Putin nicht nur mit seiner einseitig ausgerufenen, unbefristeten Feuerpause unter Druck gesetzt, sondern ihn sogar gezwungen, seine heissgeliebte Parade zum Sieg über Nazi-Deutschland zu verkleinern. Was auch immer die nächsten Monate bringen: Gerade ist das Momentum auf Seiten der Ukraine.“

The Moscow Times (RU) /

Eine Religion des Krieges

Im Vorfeld der Feiern wird von der kremltreuen Organisation Volksfront ein sogenanntes Ewiges Feuer in zahlreiche russische Städte gebracht und dort an Kriegsdenkmälern entzündet. Moscow Times erkennt religiöse Züge:

„Diese neue Religion, die die derzeitigen russischen Machthaber und die 'Volksfront' zu schaffen versuchen, ist nichts anderes als die Religion des Ares, auch bekannt als Mars, des Kriegsgottes. All diese Paraden, 'unsterblichen Regimenter', 'Gebete für den Sieg' und 'Militärkirchen' sind nichts anderes als eine Religion des Krieges. Und das 'Feuer der Erinnerung', das die Anhänger des neurussischen Glaubens eifrig und mit gehörigem Aufwand im ganzen Land, ja sogar in der ganzen Welt verbreiten, ist das Feuer des Krieges.“

Glavkom (UA) /

Sicherheit nicht mehr garantiert

Politologe Ihor Petrenko erörtert in einem von Glavkom übernommenen Facebook-Post:

„In dieser Woche hat das Institute for the Study of War einen wichtigen Aspekt hervorgehoben: Erstmals seit Beginn des Krieges hat Putin persönlich Angriffe auf russische Ölraffinerien kommentiert. Zuvor hatte Moskau solche Vorfälle ignoriert oder bestritten, weil sie das propagandistische Narrativ untergraben. Nun war eine Reaktion unvermeidlich. ... Im vergangenen Jahr wurden vor dem 9. Mai rund 280 Luftabwehrsysteme nach Moskau verlegt, teils aus entlegenen Regionen. In diesem Jahr jedoch – nachdem ukrainische Drohnen regelmäßig Ziele in mehr als 1500 Kilometern Entfernung von der Grenze treffen – bietet selbst das keine Garantie mehr.“

Mykola Knjaschyzkyj (UA) /

Nervöser Kremlchef

Der Parlamentsabgeordnete Mykola Knjaschyzkyj schreibt auf Facebook:

„Im Jahr 2023 fand die Parade nur wenige Tage nach Drohnenangriffen auf den Kreml statt. In Erinnerung blieb diese Parade durch die Teilnahme eines aus dem Museum geholten T-34-Panzers sowie durch die Instrumentalisierung der Präsidenten Tadschikistans, Turkmenistans und einiger anderer Länder als eine Art 'lebender Schutzschild'. Da derzeit ganz Russland brennt – von der Ostsee bis zum Ural – dürfte es diesmal kaum gelingen, unter den ausländischen Staats- und Regierungschefs jemanden zu finden, der Putin mit seiner Anwesenheit 'deckt'. Alle Hoffnungen ruhen auf Fico. Genau deshalb hat Putin Trump angerufen – damit dieser als Sicherheitsgarant auftritt und die Ukraine für einen bestimmten Zeitraum von Angriffen auf Russland absieht.“

Új Szó (SK) /

Ficos Teilnahme ist schwer zu verstehen

Man kann nur rätseln, warum der slowakische Regierungschef nach Moskau reisen will, meint Új Szó:

„Es ist nur schwer nachvollziehbar, warum der slowakische Ministerpräsident so sehr an der Reise nach Moskau festhält und was ihn tatsächlich motiviert. Möchte er unbedingt bei der Parade oder in der Ehrenloge neben einigen zentralasiatischen Diktatoren erscheinen? Handelt es sich in Wirklichkeit um eine Phase stiller wirtschaftlicher Kontaktpflege, bei der der Regierungschef im Verborgenen über Investitionen verhandeln würde? Ist das nichts weiter als eine Geste gegenüber dem russlandfreundlichen Teil der slowakischen Gesellschaft? Oder geht es tatsächlich um eine prinzipielle Frage, und ist es dem slowakischen Premier so wichtig, seinen Respekt für die Befreiung des Landes [im Zweiten Weltkrieg] zu zeigen?“