Gibt es eine Chance, den Iran-Krieg zu beenden?

Die Nachrichtenlage in Bezug auf den Iran-Krieg bleibt unübersichtlich. Die zu Wochenbeginn angekündigte US-Operation, die blockierte Hormus-Meerenge durch militärische Schutzgarantien zu öffnen, wurde nach nur einem Tag wieder ausgesetzt. US-Präsident Trump begründete dies damit, eine Einigung mit dem Iran stünde nun kurz bevor. Europas Presse wägt die verschiedenen Interessen und Machtfaktoren ab.

Alle Zitate öffnen/schließen
La Repubblica (IT) /

Eine diplomatische Lösung muss her

Die Zeit drängt, betont La Repubblica:

„Am 14. Mai wird US-Präsident Donald Trump den chinesischen Staatschef Xi Jinping treffen – möglicherweise aus einer Position der Schwäche heraus: mit reduzierten US-Militärkapazitäten im Indopazifik, der weiterhin geschlossenen Straße von Hormus oder, im schlimmsten Fall, mit einer neuen militärischen Eskalation im Golf, während die Weltwirtschaft unter der Ölkrise leidet. Trump braucht eine Einigung. ... Die Iraner haben einen längeren Zeithorizont, aber auch nicht allzu lange: Schätzungen zufolge 30 bis 45 Tage, bevor Teheran keine Lagerkapazitäten für Rohöl mehr hat und gezwungen ist, die Produktion zu drosseln, während das Land bereits mit einer tiefen Wirtschaftskrise zu kämpfen hat. Die Zeit drängt auf eine diplomatische Lösung.“

La Vanguardia (ES) /

Lasst Trump glauben, er habe gewonnen

La Vanguardia-Chefredakteur Jordi Juan sieht eine Chance für Frieden:

„Offensichtlich hat Trump nachgerechnet: Angesichts der Zwischenwahlen im November ist es besser, den Eindruck zu erwecken, der Krieg sei vorüber – und seine Wähler davon zu überzeugen, dass er wieder gesiegt hat –, als eine Bodenoffensive zu riskieren. ... All seine Reden, in denen er schwor, der Iran werde nie über ein Atomwaffenarsenal verfügen oder er werde das Regime der Ayatollahs stürzen, werden ad acta gelegt. ... Wir sollten uns jetzt nicht mit seinen Widersprüchen und unerfüllten Ultimaten aufhalten. Wir sollten ihn dazu drängen, weiter auf eine Beilegung des Konflikts hinzuarbeiten; und wenn wir ihm dann alle zum Sieg gratulieren müssen – dann tun wir das.“

Süddeutsche Zeitung (DE) /

Europas Untätigkeit ist gefährlich

Dass ein Scheitern des US-Kriegszugs nicht im europäischen Interesse liegt, stellt die Süddeutsche Zeitung klar:

„Die Islamische Republik als vermeintlich heldenmütiger David, der über den Goliath USA und das verteufelte Israel siegt: Es wäre eine griffige Erzählung, die die Weltordnung vollends erschüttern würde. Jubel im globalen Süden, Rat- und Tatenlosigkeit in Europa, beleidigte Resignation im isolationistisch infizierten Amerika: Das schmeckt nach Katastrophe. Das heißt nicht, dass Berlin Kanonenboote, Paris und London Fregatten schicken sollen. Aber in wohlfeil deutscher Art die eigenen Minensucher zu loben und dann ein einziges Schiff als Vorkommando in Marsch zu setzen? Da ginge mehr, ohne zu Trumps Büchsenspanner zu werden. Die europäische Tatenlosigkeit wird gefährlich.“

Večernji list (HR) /

Netanjahu hat viel zu verlieren

Was für den israelischen Premier auf dem Spiel steht, erklärt Večernji list:

„Sollte es zu einer politischen Einigung zwischen den USA und dem Iran kommen, könnte der größte politische Verlierer Benjamin Netanjahu sein. Er befindet sich in einer zunehmend schwierigen Lage, da er einen Mehrfronten-Krieg gegen den Iran, Libanon und den Gazastreifen führt, um seine politische Position zu festigen. Aktuellen Umfragen zufolge könnte ihm bei den Wahlen im Oktober eine Niederlage drohen. Das wäre für ihn eine ernste politische Niederlage, das potenzielle Ende seiner Karriere und könnte juristische Folgen haben, die gar mit Haft enden könnten.“

Corriere della Sera (IT) /

Energie-Schock kommt China zugute

Corriere della Sera analysiert:

„Eines der Ziele des Kriegs gegen den Iran, die Donald Trump zugeschrieben werden, war es, China auf der Ebene der Ressourcen zu umgehen. Im Januar hatte der US-Präsident mit der Festnahme von Nicolás Maduro die Kontrolle über das venezolanische Öl übernommen und damit die Lieferungen an die rivalisierende Supermacht unterbrochen. Der Regimewechsel in Teheran sollte diesen Effekt theoretisch noch verstärken. Stattdessen zeichnet sich nun eine Umkehr ab: Der Energie-Schock infolge der Blockade der Meerenge von Hormus lässt die internationale Nachfrage nach in China hergestellten grünen Technologien explodieren. ... Der Wettlauf um strategische Autonomie ist in den Vordergrund gerückt, also die Verringerung der Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas.“