Frankreich gegen Spanien: Empörung nach Rajoys Aussagen

Vor dem WM-Halbfinal-Spiel Frankreich gegen Spanien am heutigen Dienstag haben Äußerungen des ehemaligen spanischen Premiers Mariano Rajoy nicht nur in Europas Presse für heftige Debatten gesorgt: Frankreich habe "ein Kader von höchstem Niveau. Allerdings ohne Franzosen". Frankreichs Beauftragte für die Bekämpfung von Diskriminierung, Aurore Bergé, beklagte daraufhin "rassistische Entgleisungen" des Politikers.

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El País (ES) /

Nationen sind mehr als bloße Stämme

Die Pariser Vize-Bürgermeisterin Lamia El Aaraje stellt in El País klar:

„Franzose zu sein ist keine Frage der ethnischen Zugehörigkeit, der Abstammung oder einer Farbskala. Es ist ein politisches Versprechen – ein Vertrag, den jeder Einzelne durch das besiegelt, was er gibt, nicht durch das, was er erbt. Man kann einer Nation durch das Blut, das man empfangen oder vergossen hat, angehören – durch Geburt oder aus freier Entscheidung; niemals aber wegen der Hautfarbe. Genau das macht unsere Nationen zu mehr als bloßen Stämmen, und genau das können ihnen Nationalisten in aller Welt nicht verzeihen. ... Am Dienstagabend werden in Dallas zwei große Nationen aufeinandertreffen – Nationen, die nicht 'rein' sein mussten, um groß zu sein.“

Webcafé (BG) /

Erfolg durch eigene Anstrengung

Die Auswahl der französischen Nationalelf ist ein Beispiel gelungener Integration durch Fleiß und Arbeit, betont Webcafé:

„Sport ist eine der wenigen Domänen, in denen Menschen aus den armen, überwiegend von Migranten bewohnten Ghettos sich erfolgreich in die Gesellschaft integrieren können. ... Der Sport ist einer der wenigen verbliebenen Bereiche, in denen ein Mensch selbst beweisen kann, was er wert ist – durch Arbeit, Anstrengung, Engagement und Leistungen –, und nicht dadurch, wer seine Eltern sind und ob man mit einem goldenen Löffel im Mund oder in einem schmutzigen Ghetto geboren wurde. Im Fußball kommt man nur dann voran, wenn man hart kämpft und sich ständig beweist – vor sich selbst, vor der Mannschaft und vor den Fans.“

The Conversation (FR) /

Realitätsfernes Gesellschaftsbild

Frankreich hat ein Problem mit seiner Selbstwahrnehmung, analysiert The Conversation:

„Frankreich ist eine hybride Gesellschaft: eine Nation, die von ihrer Kolonialgeschichte geprägt ist und sich doch manchmal mit Darstellungen der Nation schwertut, die von einem traditionell weißen Bild Frankreichs abweichen. Das Problem scheint also weniger bei der französischen Nationalmannschaft zu liegen, sondern vielmehr im nationalen Selbstbild. Dieses scheint manchmal in der Vorstellung eines vorkolonialen 'weißen Frankreichs' erstarrt zu sein, ohne vollständig anzuerkennen, dass das heutige Frankreich das Produkt einer komplexen und von verschiedenen Kulturen geprägten Geschichte ist.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE) /

Die Ressentiments schwingen immer mit

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung zeigt ein Blick zurück, dass Erfolge und Misserfolge des Teams immer wieder mit Fragen über die Herkunft der Spieler verknüpft werden:

„Man erinnere sich an die Euphorie, als Frankreich 1998 zum ersten Mal Weltmeister wurde und sich das halbe Land auf den Champs-Élysées 'Black, blanc, beur' skandierend in den Armen lag. Oder an den als 'Fiasko von Knysna' in die Fußballgeschichte eingegangenen Streik der Spieler, die 2010 in Südafrika gegen den Ausschluss von Nicolas Anelka aus der Mannschaft protestierten und sich in der Folge mit rassistischen Stereotypen bezeichnet sahen. ... Dieser Tage ist wenig zu hören von den alten Ressentiments, Sieger mögen alle. ... Aber die innen momentan verblasste Hässlichkeit kommt von außen zurück, als Echo, das nicht die Mannschaft beschämt, sondern das Land.“

Libération (FR) /

Dieses Blau verbindet

Teams in verschiedenen Sportarten zeigen die Vielfalt Frankreichs, urteilt Libération:

„Die Feststellung, welche Hautfarbe in der französischen Nationalmannschaft vorherrscht, sagt vor allem etwas über die Auswirkungen der seit den 1950er Jahren betriebenen Politik der Wohnraumverteilung aus und über die Bedeutung des Fußballs als Aufstiegsweg für einen Teil der französischen Bevölkerung mit Migrationshintergrund, der durch eine ghettobildende Stadtentwicklung benachteiligt wurde. Doch unabhängig davon, ob die Bleus im Fußball schwarz sind, die Rugby-Nationalspieler einen Akzent aus Südfrankreich oder [den Überseegebieten] Wallis und Futuna haben oder die Reiter der Trikolore oft adelige Nachnamen tragen: Sie sind alle die 'Bleus'.“