Verkauf von WM-Anteilen: Führt das ins Abseits?
Die Fifa plant den Verkauf von Weltmeisterschafts-Anteilen in Höhe von rund 20 Prozent an private Investoren. Medienberichten zufolge will der Chef des Fußball-Weltverbandes Gianni Infantino zu diesem Zweck ein Tochterunternehmen gründen und Milliardengewinne einstreichen. Die Fifa bestätigte eine Prüfung solcher Vorschläge. Die Uefa kritisierte eine unverantwortliche Grenzüberschreitung und drohte mit Boykott. Kommentatoren zeigen viel Empörung, teilweise wird aber auch Verständnis laut.
Das Grundproblem sind die Oligarchen
Die Wut der Uefa ist große Heuchelei, kritisiert die taz:
„Es waren Europas Klubs und die Uefa, die sich von Staatsfonds und Herrschern etwa in Katar und Saudi-Arabien abhängig machten. Und von US-Geld: Schon 2023 war ein Drittel der Klubs aus Europas Top-5-Ligen ganz oder teils in US-Besitz. Europas Fans haben vor allem das Geld vom Golf kritisiert, auch mit rassistischen Untertönen. Und dabei übersehen, wie US-Überreiche zum größten Machtblock wurden. ... [E]gal, wie der Showdown ausgeht, ein viel ethischerer Fußball wird in der kapitalistischen Oligarchie nicht herauskommen. Das Grundproblem ist nicht, dass die Männer ihre Finanzmacht missbrauchen – sondern, dass sie sie haben.“
Investoren sind auf Rendite aus
Für die Neue Zürcher Zeitung sind die Pläne der FIFA zwar nachvollziehbar, sie äußert aber auch Bedenken:
„Es ist betriebswirtschaftlich nur konsequent, dass die Fifa unter Infantino darüber nachdenkt, die Erfolgsformel für ihr Flaggschiffprodukt zu multiplizieren. 64 statt 48 Teilnehmer, Durchführung der WM alle zwei statt nur alle vier Jahre. Auch die Aufnahme von Investmentbankern und Private-Equity-Investoren in die Fifa Forward Enterprise ist aus dieser Logik folgerichtig. Es ist ihr Geschäft, Gewinnmaschinen auf Hochleistung zu trimmen. Aber nicht nur Fussballromantiker befürchten, dass sich der Charakter des Weltfussballverbands irreversibel ändern würde mit der Aufnahme professioneller Investoren in die Fifa-Familie. Investoren wollen Rendite und auch Ausschüttungen, das ist ihr Wesen.“
Falscher Moralismus schadet dem Sport
Mehr Geld bringt dem Fußball mehr Chancen, verteidigt Kolumnist Gerard Baker in The Times die Infantino-Pläne:
„Natürlich traue ich Gianni und seinen Kumpels nicht blind. Aber ich bin zuversichtlich, dass, selbst wenn sie sich bereichern, finanzielle Mittel generiert und sinnvoll eingesetzt werden. Kleinere Staaten könnten davon stark profitieren, zum Wohle des Fußballs und der Gesellschaft. Der Aufstieg des afrikanischen Fußballs in den vergangenen 20 Jahren hat den Horizont des Sports erweitert, Hunderten Millionen Menschen Freude bereitet und talentierten jungen Menschen neue Chancen eröffnet. Ich befürchte, der Widerstand dagegen wurzelt in etwas Niederschmetterndem, Englischem, Europäischem: der verklemmten, lähmenden, erdrückenden Abneigung gegen das Geldverdienen, dem scheinheiligen Wunsch, Profit der Reinheit zu opfern.“
Tod auf Raten für den Fußball
Infantino händigt den größten Sport der Welt an den Trump-Clan aus, schreibt Correio da Manhã:
„Infantino will die Weltmeisterschaft verkaufen und bereitet sich darauf vor, sie in den Einflussbereich der US-amerikanischen Macht zu bringen. Diese Entwicklung hat sich Schritt für Schritt vollzogen. Der Friedenspreis im Dezember. Die Büros im Trump Tower. Die gemeinsame Übergabe des WM-Pokals. … Der Plan besteht nicht nur darin, das Turnier zu vermarkten. Es geht darum, die Kriterien auszuhändigen, nach denen entschieden wird, wo gespielt wird, wie viele Mannschaften teilnehmen, in welchen Abständen und zu welchen Kosten. Der Trump-Clan wird weder Spielregeln noch Spielpläne respektieren. Er wird sie durchsetzen. So stirbt der größte Sport der Welt. Stück für Stück.“
Fürchterliche Aussichten
Jyllands-Posten ist entsetzt:
„Es ist unvorstellbar, dass Investoren keinen Einfluss auf wichtige Prioritäten und Entscheidungen haben werden. Die Investoren und ihre Renditen werden wichtiger sein als der Sport und die Rücksichtnahme auf dessen Belange. Das ist eine furchtbare Aussicht. Der Weltfußball sollte kein Investitionsobjekt sein. Obwohl der Spitzenfußball, wie schon oft beschrieben, bereits durch und durch kommerzialisiert ist, wird diese Initiative ihn noch weiter davon entfernen, eine Gemeinschaft im Zeichen des Sports zu sein. ... In erster Linie geht es ums Geld, nicht um den Sport. Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf das Produkt. ... Wer zeigt Infantino die Rote Karte?“
Höchste Zeit, den Fifa-Spuk zu beenden
Europas Fußballverband Uefa muss die Reißleine ziehen, fordert die Süddeutsche Zeitung:
„Europas Widerstand formiert sich. Allerdings muss allen klar sein: Diesmal wird es nicht mehr ausreichen, die nächste größenwahnsinnige Attacke des Fifa-Patrons nur zu stoppen. Gianni Infantino muss aus dem Fußball verschwinden. Und falls das scheitert, weil Ruanda, Paraguay und einige Südsee-Riffe nicht mitspielen? Dann muss eben Europa aus dem Fußball von Infantino und Trump verschwinden. Europa hat bei der Präsidentenwahl nur ein Viertel der Stimmen, und trotzdem kann man Europas Macht, richtig eingesetzt, gar nicht überschätzen. Eine Weltmeisterschaft ohne Europa, ob mit 48, 64 oder 143 Teams, würde es nicht mal an eine Stammtischbörse schaffen. Höchste Zeit, dass die Uefa den Spuk beendet.“
Die Büchse der Pandora
Ein riskantes Vorhaben, warnt Le Temps:
„Man weiß nicht recht, ob Gianni Infantino sich so seine Wiederwahl oder seine künftige Umsattlung an die Spitze einer neuen Organisation sichert. Man ahnt voraus, dass der Fußball dabei mehr Trinkpausen und abopflichtige Spiele 'gewinnt', denn für die Privatinvestoren müssen sie sich ja auszahlen. Was wird jedoch passieren, wenn diese meinen, dass unentschiedene Spiele dem Business schaden oder dass eine Erfolgsserie Chinas neue Märkte eröffnen würde? Die Fifa stürzt sich in die schwierige Geburt eines ungewissen und gefährlichen Projekts, bei dem es allein um größeren Gewinn geht. In einem Sport, bei dem Geld bereits eine zu große Rolle spielt, sollte man nicht noch die Büchse der Pandora öffnen.“
Ein Pakt mit dem Teufel
Der Kommerz ist schon bei der diesjährigen WM viel zu weit gegangen, moniert Times of Malta:
„Der Weltverband erwirtschaftete mit der WM geschätzt 11 bis 13 Milliarden Euro. Das erklärt, warum er heute jede Fußballtradition nicht mehr als etwas Schützenswertes, sondern als lästiges Hindernis auf dem Weg zu einem neuen Sponsoringvertrag betrachtet. Traurigerweise hat der Fußball überlebt. Er hat oft unterhalten, gelegentlich begeistert und letztendlich den verdienten Sieger hervorgebracht. Doch das erscheint fast nebensächlich. Die Fifa hat diese WM nicht wirklich ausgerichtet, sondern sie regelrecht ausgebeutet und die Seele des größten Sportereignisses der Welt dem Teufel des Dollars verkauft. Und man kann sicher sein, dass der Dollar-Teufel seinen Fanpaket für 2030 bereits erneuert hat.“
Zustimmung unwahrscheinlich
Etelä-Suomen Sanomat bezweifelt, dass Infantino eine Mehrheit für sein Projekt bekommt:
„Die Vorbereitung im Geheimen lässt vermuten, dass das Projekt einem kritischen Blick nicht standhält. Es scheint, als hätten US-Präsident Donald Trump und Fifa-Präsident Gianni Infantino die Vorbereitungen vorangetrieben. ... Die kürzlich ausgetragene Fußball-WM brachte rund 13 Milliarden Euro ein. Trump ist ein Geschäftsmann, und nun sieht er das Geld direkt vor seiner Nase. Trumps 'Deals' überraschen nicht mehr. Es wäre jedoch überraschend, wenn die 211 Mitgliedsländer der Fifa einem solchen Abkommen zustimmen würden. Das ist schwer zu glauben.“