Fehlende Luftabwehr: Hält die Ukraine durch?
Während es an der Frontlinie in der Ukraine kaum noch Bewegung gibt, setzen beide Kriegsparteien auf gegenseitige Luftschläge: Die Ukraine hat mit Drohnenangriffen in Russland große Raffineriekapazitäten außer Betrieb gesetzt, den Onlinehandel schwer getroffen und den Schiffsverkehr an der Südküste gelähmt. Gleichzeitig beschießt Moskau ukrainische Städte massiv mit Raketen: Am Mittwoch starben bei Angriffen auf Logistikzentren im Raum Kyjiw 17 Menschen.
Die Abwehrraketen sind ausgegangen
Der zunehmend schutzlose Luftraum der Ukraine besorgt The Spectator:
„Die Unfähigkeit der Ukraine, ballistische Raketen abzufangen – insbesondere Hyperschallraketen vom Typ Zircon und Kinschal, die [angeblich] mit bis zu neunfacher Schallgeschwindigkeit fliegen – ist ein grundlegender strategischer Schwachpunkt, den der Kreml gnadenlos ausnutzt. ... Dass der ukrainische Luftraum inzwischen für ballistische Angriffe weitgehend offen ist, liegt daran, dass Kyjiws Bestand an in den USA hergestellten PAC-3-Patriot-Abfangraketen aufgebraucht ist. Nachschub ist kaum zu erwarten, da die USA fast ihre gesamten eigenen Reserven zur Abwehr iranischer Raketen eingesetzt haben.“
Dringend die Achillesferse schützen
Politologe Alvydas Medalinskas warnt in LRT:
„Natürlich hat die Ukraine Putins Russland einen schweren Schlag versetzt. Die Krim bleibt weitgehend isoliert und mehr als 40 Prozent der russischen Ölindustrie sind lahmgelegt. Der Krieg ist in eine Phase des gegenseitigen Kräftemessens eingetreten. Beide Seiten setzen einander empfindliche Schläge zu. ... Doch bei aller Anerkennung der Stärke der Ukraine darf man ihre Achillesferse nicht außer Acht lassen: die Abwehr ballistischer Raketen. Werden hier nicht rasch die nötigen Maßnahmen ergriffen, könnte sich das Blatt im Krieg erneut zum Nachteil der Ukraine und des Westens wenden.“
Standhalten lautet die Parole
Jyllands-Posten schaut ohne jede Euphorie in die Zukunft:
„Durchhaltevermögen ist das Schlüsselwort, ganz gleich, ob man den Blick auf die schwer geprüfte Bevölkerung der Ukraine richtet oder in die Sitzungssäle, in denen Europas politische Führer versuchen, die Fahne hochzuhalten. ... Der Krieg, der nun bereits in sein fünftes Jahr geht, scheint langwierig zu werden. Vieles deutet darauf hin, dass es ein mühseliger Prozess sein wird – nicht nur das Aufrechterhalten der Unterstützung für die Ukraine, sondern auch das Schaffen einer sicherheitspolitisch stabilen Ordnung für die Ukraine und Europa. Nichts deutet darauf hin, dass ein Friedensabkommen oder eine friedensähnliche Einigung unmittelbar bevorsteht. Kurz gesagt: Die Ukrainer werden dem Druck standhalten, und Putin steht nicht unter ausreichendem Druck, um nachzugeben.“
Je mehr Erfolge, desto weniger Mitgefühl
Die neue Dimension der Angriffe auf Russland ist der Beliebtheit der Ukraine im Ausland nicht gerade förderlich, meint Népszava:
„Internationale Meinungsumfragen zeigen: Immer mehr Menschen werfen Präsident Selenskyj, der den ukrainischen Verteidigungskrieg am Leben erhält, mit Putin in einen Topf; sein anfängliches (bis dato verdientes) Heldenimage schwindet. ... Immer mehr Menschen lehnen nicht nur eine beschleunigte EU-Integration [der Ukraine] ab, sondern auch die Unterstützung ihres Verteidigungskriegs mit Waffen und Geld. Die schlagkräftigen ukrainischen Streitkräfte, die es geschafft haben, Ölraffinerien, Lagerhäuser, Flugplätze und andere Einrichtungen in ganz Russland in Brand zu setzen, tragen nicht mehr dazu bei, die internationale Solidarität bei den Menschen zu stärken.“
Finale zu einem hohen Preis
In einem von Echo übernommenen Telegram-Post vergleicht Politologe Wladimir Pastuchow den Krieg mit einem Schachspiel:
„Um die Partie aufzugeben, hat Russland noch zu viele Figuren auf dem Brett – und für einen Gegenangriff hat es sogar noch genügend Bauern. ... Derzeit verfügt Russland über einen konkreten asymmetrischen Vorteil gegenüber der Ukraine – ballistische Raketen, die in der Lage sind, die Luftabwehr um Kyjiw zu durchbrechen. Dies macht Kyjiw und seine Einwohner aktuell zu Geiseln der Situation. ... Doch dieses Endspiel hat seinen Preis, und dieser wird sehr hoch und blutig sein. Denn die Ukraine spielt gegen einen Großmeister derselben Schachschule, der seine eigene Bevölkerung ohne Zögern zu Geiseln macht und dem es völlig gleichgültig ist, wie viele Menschen er noch auf dem Altar des Krieges opfert.“