Island: Willkommen in der EU?

Islands Bevölkerung stimmt am Samstag darüber ab, ob das Land Beitrittsgespräche mit der EU aufnehmen soll. Im Jahr 2010 waren schon einmal Beitrittsverhandlungen begonnen worden, diese hatte die damalige Regierung in Reykjavík 2013 jedoch ausgesetzt. Ein Grund waren unter anderem Differenzen bei der Fischereipolitik. Kommentatoren wagen einen Blick Richtung Norden und in die Zukunft.

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Financial Times (GB) /

Der perfekte Kandidat

Für die EU wäre der Beitritt Islands ein echter Gewinn, meint Financial Times:

„Island ist eine stabile, wohlhabende und hochentwickelte Demokratie mit einem BIP in Höhe von 33,5 Milliarden Euro. Als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums – des Binnenmarktes, der die EU mit Island, Liechtenstein und Norwegen vereint – sowie des Schengen-Raums und der Europäischen Freihandelsassoziation erfüllt Island bereits weitgehend die EU-Vorschriften. Als Vollmitglied würde Island Nettozahler in den EU-Haushalt werden. Dies würde den bisherigen Trend der Osterweiterung finanziell und geografisch ausgleichen. Darüber hinaus würde es das Prinzip des leistungsbasierten Beitritts bekräftigen: eine wichtige Botschaft für aktuelle Beitrittskandidaten wie einige Westbalkanländer und die Ukraine, die mit Reformen ringen.“

Dagens Nyheter (SE) /

Vieles spricht für ein Ja

Dagens Nyheter meint:

„Island ist in der Europäischen Gemeinschaft sicherer. Und es ist besser, vollwertiges EU-Mitglied zu sein, als sich, wie derzeit üblich, mit dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) zufriedenzugeben. ... Für die EU wäre die Insel mit ihrem feurigen Untergrund eine ideale Ergänzung. Island ist ein reiches Land, das zu einem Nettozahler im EU-Haushalt werden könnte. ... Eine isländische EU-Mitgliedschaft würde die nordischen Länder enger zusammenbringen. Seit Finnland und Schweden der Nato beigetreten sind, besteht dort eine geeinte nordische Einheit. Wenn Island den Schritt wagt, gäbe es bald eine vollständige nordische Vertretung in der EU, was unseren Einfluss in Brüssel stärken würde.“

Jutarnji list (HR) /

Fischindustrie wichtigster Punkt

Für die Isländer ist die Fischindustrie einer der wichtigsten Punkte eventueller Beitrittsverhandlungen mit der EU, stellt Jutarnji list fest:

„Das wichtigste 'Schlachtfeld' für die Isländer ist die Fischindustrie, die eine Quelle des Stolzes und ein Symbol für die isländische Souveränität ist, nach einer Reihe von Kabeljau-Kriegen mit Großbritannien, in denen Island siegreich war. Viele Isländer fürchten einen Verlust der Souveränität. ... Island besitzt ein einzigartiges System für die Bewirtschaftung seiner Fischerei, die rund 35-40 Prozent der Exporterlöse des Landes ausmacht. ... EU-[Erweiterungs]-Kommissarin Marta Kos sprach über mögliche 'kreative Lösungen' für die Fischerei und Landwirtschaft. ... Doch die isländischen Euroskeptiker fürchten, die Zugeständnisse, die Island während der Beitrittsverhandlungen potentiell aushandeln könnte, könnten mit der Zeit an Kraft verlieren.“

TVNet (LV) /

Jetzt oder nie

TVNet glaubt, dass der Moment einmalig ist:

„Bei einem Ja-Votum kehrt Island an den Verhandlungstisch mit der EU zurück, und Brüssel muss entscheiden, wie der vor mehr als einem Jahrzehnt unterbrochene Prozess wieder aufgenommen werden kann. Da das Land bereits eng in den Binnenmarkt integriert ist und einen Großteil der Vorarbeit in früheren Verhandlungen geleistet hat, könnte der Prozess relativ schnell vonstattengehen, sofern Kompromisse in strittigen Fragen, insbesondere der Fischerei, gefunden werden. Ein Nein hingegen würde bedeuten, dass das Thema wohl für lange Zeit von Islands politischer Agenda verschwinden würde. Die Regierung Frostadóttir selbst hat die Abstimmung beinahe als Entscheidung zwischen 'jetzt oder nie' dargestellt.“