Israel nach Wahl: Wem gelingt eine Regierungsbildung?
Nach der Parlamentswahl in Israel zeichnet sich eine schwierige Kabinettsbildung ab. Der Block von Premier Benjamin Netanjahu erreichte einen Vorsprung vor dem Oppositionsbündnis des ehemaligen Generalstabschefs Gadi Eisenkot. Jedoch konnten beide Lager nach dem Auszählungsergebnis von rund zwei Dritteln der Stimmen offenbar nicht die Mehrheit von 61 Sitzen erreichen. Mit dem vorläufigen Endergebnis wird am Donnerstag gerechnet.
Der Premier hat noch nicht ausgespielt
NRC sieht eine ungewisse politische Zukunft für Israel:
„Netanjahu hat einen Rückschlag erlitten, hat aber noch nicht ausgespielt. ... Aufgrund der Pattsituation hinsichtlich der Zusammenarbeit mit arabischen Parteien steuert Israel möglicherweise auf Neuwahlen 2027 zu – ein Szenario, in dem Netanjahu als Interimspremierminister im Amt bleibt. Für den am längsten amtierenden Premierminister Israels und seine Anhänger ist das natürlich kein schlechtes Ergebnis. Doch für Israelis, die sich nach innenpolitischem Wandel sehnen, ist die Erinnerung an den Marathon aus fünf Wahlen zwischen 2019 und 2022 noch frisch.“
Unterstützung weiterer Partner gebraucht
Polityka sieht die arabischen Parteien in der Rolle des Königsmachers:
„Die Geschichte zeigt, dass derjenige Politiker, dem die Regierungsbildung übertragen wurde, diese auch zustande bringt. ... Alles deutet darauf hin, dass es ohne die Unterstützung der arabischen Parteien keinem der Kandidaten gelingen wird. Eisenkot hätte potenziell größere Chancen, obwohl die hypothetischen Koalitionspartner vor den Wahlen angekündigt hatten, kein Bündnis mit den Arabern einzugehen. Die arabischen Parteien könnten ihren Teil dazu beitragen, eine Minderheits- oder sogar eine Mehrheitsregierung zu bilden, wenn der größte Gegner dieser Lösung, Avigdor Lieberman, Vorsitzender der Partei 'Unser Haus Israel', sich in die Opposition zurückziehen würde.“
Eisenkot hat eine Chance
Eine Koalition unter Eisenkot wäre möglich, glaubt La Stampa:
„Präsident Isaac Herzog muss entscheiden, wer die besten Chancen hat, eine Regierung zu bilden, und dabei zwei große Strömungen in der öffentlichen Meinung berücksichtigen. Diejenigen, die vom Massaker vom 7. Oktober entsetzt sind, und jene, vor allem aus der arabischen Minderheit, die ebenso erschüttert sind von der Zerstörung des Gazastreifens. Diese beiden Seiten unter einen Hut zu bringen, wird die Aufgabe von Eisenkot sein, sollte er den Auftrag erhalten, eine Minderheitsregierung zu bilden. Die Alternative wäre, in drei Monaten erneut Wahlen abzuhalten.“
Politikwechsel hängt von Personalien ab
Die Journalistin Irina Olteanu hält auf der Website von Spotmedia eine grundlegende Richtungsänderung für möglich:
„Eine Regierung, die nicht von Politikern wie [dem Minister für Nationale Sicherheit Itamar] Ben Gvir und [Finanzminister Bezalel] Smotrich abhängig sein würde, könnte entschlossener gegen die Gewalt der Siedler vorgehen. Sie würde darauf verzichten, die Auswanderung der Palästinenser und den Zerfall der Palästinensischen Autonomiebehörde zu fördern. Eine solche Regierung wäre im Bezug auf Gaza und bei anderen Problemen offener für Initiativen der USA und regionaler Akteure. Doch sie würde auch dieselben ungelösten Fragen erben: Wie die Hamas entwaffnet werden kann, wer Gaza wieder aufbaut und wer Ordnung und Respekt vor dem Gesetz im Westjordanland wiederherstellt.“
Keine Mehrheit mehr für Netanjahus Hysterie
Die Zeit sieht wieder eine Chance für Vernunft und Besonnenheit:
„[F]ür ein Ende des permanenten Dramatisierens und Hysterisierens, für das Netanjahu steht. In der Schlussphase seiner Kampagne hat der Premierminister KI-generierte Bilder eines Atompilzes über Tel Aviv verbreitet. Seine Botschaft: Ich oder die Apokalypse. Es ist diese Maßlosigkeit, die Neigung, alle Bremsen zu lösen, die Israel, wie jedem Land, nur schaden kann. Benjamin Netanjahu konnte für seine Katastrophenbeschwörung noch immer eine Menge Unterstützung mobilisieren. Aber keine Mehrheit mehr.“