Ukraine-Krieg länger als Deutsch-Sowjetischer Krieg
Der Ukraine-Krieg hat am Montag die Länge von 1.418 Tagen erreicht. Putins am 24. Februar 2022 begonnene 'militärische Spezialoperation" gegen das Nachbarland zieht sich damit nun schon länger hin als der "Große Vaterländische Krieg", wie in Russland der Deutsch-Sowjetische Krieg von Juni 1941 bis Mai 1945 im Rahmen des Zweiten Weltkriegs genannt wird.
Das wirft schwierige Fragen auf
Das Überschreiten der Zahl wird in Russland zu heftigen Diskussionen führen, ist Polityka überzeugt:
„Stalin besiegte das Dritte Reich unter enormen Opfern, aber es gelang ihm innerhalb von 1.418 Tagen, vom 22. Juni 1941 bis zum 9. Mai 1945. Putin hingegen gelang es nicht, innerhalb von 1.418 Tagen auch nur die Ukraine zu besiegen. ... In Polen sind wir uns dessen nicht bewusst, aber in Russland herrscht ein mächtiger Kult um den Großen Vaterländischen Krieg. Die Zahl '1.418' ist Teil davon, sie ist ein Symbol für Sieg, Anstrengung und gigantische Opfer. ... Das Überschreiten dieser magischen Zahl von Tagen, die tief im Bewusstsein verankert ist, wird in Russland schwierige Fragen aufwerfen. Nicht nur unter einfachen Menschen, sondern auch unter Funktionären.“
Bilanz fällt für Putin peinlich aus
Den Vergleich mit damals nimmt Putin immer seltener in den Mund, schreibt Zeit-Kolumnist Michael Thumann:
„In 1.418 Tagen vermochte es die Rote Armee, die 3.000 Kilometer von Stalingrad und dem Nordkaukasus nach Berlin und Wien zurückzulegen. Und das in einem Verteidigungskrieg gegen eine ebenbürtige Armee. In 1.418 Tagen hat Putin es gegen eine an Ausrüstung und Soldaten viel kleinere Armee gerade mal von Donezk bis Pokrowsk geschafft. Das sind rund 80 Kilometer. ... Doch denkt Putin gar nicht daran, den Feldzug nach 1.418 Tagen zu beenden. ... Wenigstens die vollmundigen Vergleiche mit dem Großen Vaterländischen Krieg, in dessen historische Linie Putin seinen Kampf ab 2022 gern stellte, zieht er nicht mehr so oft. Das wirkt nur noch peinlich.“
Diesmal bleiben keine ewigen Wahrheiten
Journalistin Jelena Panfilowa setzt in Nowaja Gaseta Putins "Spezialoperation" in Vergleich zum moralischen Erbe des Zweiten Weltkriegs:
„Seit meiner Kindheit hatte sich in meinem Unterbewusstsein die Vorstellung festgesetzt, dass der Krieg, aus dem meine beiden Großväter nicht zurückgekehrt waren, nicht nur 'groß' und 'vaterländisch', sondern auch enorm und endlos war. Und schrecklich. So erzählten es meine Großmütter. So stand es in den Schulbüchern. So empfand man es nicht nur, es war eine unumstößliche Wahrheit. Und nun ist das, was als einfache 'Operation' versprochen wurde, plötzlich etwas Langwierigeres und in der Perspektive beängstigend Endloses. ... Vor uns zeichnet sich eine Zukunft ab, für deren Bewältigung die heutigen Generationen nirgendwoher Lehren und Fähigkeiten schöpfen können.“
Lang genug, um eine Generation zu prägen
Historiker Iwan Kurilla sorgt sich auf Facebook um Russlands Jugend, die während dieses Krieges erwachsen wird:
„In Kommentaren wird der 21-jährige Große Nordische Krieg [1700-1721] schon als neuer Maßstab genannt. Abgesehen von den tagtäglichen Todesfällen und Zerstörungen wächst eine ganze Generation unter Kriegsbedingungen auf. Ich war 18, als Gorbatschow die Führung der Sowjetunion übernahm, und die sechs Jahre seiner Herrschaft waren eine wichtige Zeit für mein Erwachsenwerden und die Entwicklung meiner Ansichten. ... Wie wird diese Generation, die heute unter den Bedingungen von Krieg, Repressionen und schamloser Propaganda ins Leben tritt, werden? Rebellisch oder zynisch? Was wird sie tun, wenn der Krieg vorbei ist?“