Geschichtsstreit zwischen Polen und Ukraine
Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, hat einer ukrainischen Armee-Einheit den Namen "Helden der UPA" verliehen. Die nationalistische Ukrainische Aufstandsarmee ist jedoch in Polen wegen Massenmorden an Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs berüchtigt. Präsident Karol Nawrocki und sein Amtsvorgänger Lech Wałęsa fordern nun, Selenskyj die 2023 verliehene höchste staatliche Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers, abzuerkennen. Ist der Riss überwindbar?
Deutsch-polnische Aussöhnung zum Vorbild nehmen
Gazeta Wyborcza hofft auf starke Versöhnungsgesten:
„Man würde sich wünschen, dass die Beziehungen zur Ukraine nach dem Grundsatz gestaltet würden, den die polnischen Bischöfe vor 61 Jahren formuliert haben. Am 18. November 1965, gegen Ende des wegweisenden Zweiten Vatikanischen Konzils, traten die polnischen katholischen Würdenträger auf die deutschen Bischöfe zu und überreichten ihnen einen Brief, der folgenden historischen Satz enthielt: 'Wir strecken unsere Hände aus zu Ihnen in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, wir vergeben und bitten um Vergebung.' ... Die Worte der Botschaft der polnischen Bischöfe aus dem Jahr 1965 wurden in den polnisch-ukrainischen Beziehungen mehrfach paraphrasiert. Man muss sie wiederholen, solange es nötig ist.“
Tusk muss sich klarer zu Verbündeten bekennen
Der polnische Premier sollte die von Präsident Nawrocki losgetretene Debatte um den Weißen-Adler-Orden schnell beenden, empfiehlt die Süddeutsche Zeitung:
„Nawrocki will eskalieren, und Tusk lässt sich viel zu oft vom innenpolitischen Gegner treiben. Weil Nawrocki auch Deutschland zu Polens Feinden zählt, verzichtet Tusk vorsichtshalber auf Auftritte mit deutschen Politikern oder gemeinsame militärische Projekte. Dabei haben er und seine Partei Umfragewerte, von denen seine Gesprächspartner in Berlin, London und Paris nur träumen können. Wenn Tusk dort mehr gehört werden will, muss er sich auch zu Hause deutlich zu den Verbündeten bekennen, deren Aufmerksamkeit und Vertrauen er einfordert – zur Ukraine und auch zu Deutschland.“
Auch Kyjiw muss Kritik aushalten
Rzeczpospolita appelliert, die Verstimmungen nicht hochzuspielen, da es momentan dringlichere Probleme gibt:
„Polen sollte die Ukraine unterstützen, damit die Regierung Selenskyj als wahre Helden im Kampf um Unabhängigkeit und Freiheit gelten und nicht die Mitglieder der UPA, die Blut an den Händen haben. Selenskyj muss kritisiert werden können, ebenso wie die Ukraine und die Ukrainer. ... Moralisch dürfen wir uns nicht erpressen lassen. Aber alles hat seine Zeit und seinen Ort.“
Taktisches Bündnis zerschellt an Widersprüchen
Iswestija stellt den Geschichtsstreit als Hindernis für die europäische Integration der Ukraine dar:
„Sofort hagelte es [in Polen] harte Vorwürfe gegen die ukrainische Führung wegen der offenen Verherrlichung von 'Polen-Mördern' und 'UPA-Banditen'. In Warschau wird ausdrücklich betont: Eine Integration der Ukraine in den europäischen Raum ist unter solchen Bedingungen unmöglich. Die derzeitige Spaltung beweist anschaulich, dass ein taktisches Bündnis zweier Staaten, das ausschließlich auf außenpolitischer Konjunktur beruht, unweigerlich am Sockel ungelöster historischer und wirtschaftlicher Widersprüche zerschellt, die Warschau nicht länger ignorieren will.“
Gefährliche Logik
Der Historiker und Parlamentarier Wolodymyr Wjatrowytsch schreibt in einem von Obosrewatel übernommenen Facebook-Post:
„Ein Teil der polnischen Politiker versucht, die gesamte Ukrainische Aufstandsarmee als verbrecherisch darzustellen. Nach dieser Logik kann es in einer verbrecherischen Organisation keine Helden geben. Die Ukraine kann einem solchen Ansatz nicht zustimmen – nicht nur, weil er historisch grundlos ist. Von einer pauschalen Verurteilung der Ukrainischen Aufstandsarmee ist es nur ein kleiner Schritt zur Verurteilung des gesamten Kampfes der Ukrainer für ihre Unabhängigkeit. Das entspricht letztlich der russischen Politik, die darauf abzielt, den Ukrainern das Recht auf einen eigenen Staat abzusprechen – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute.“