Neue Hitzewelle: Was tun gegen die Waldbrände?
Während sich in Frankreich und Spanien erste Erfolge bei der Bekämpfung der massiven Waldbrände abzeichnen, wächst gleichzeitig die Sorge vor einer erneuten Verschärfung der Lage angesichts einer weiteren bevorstehenden Hitzewelle. Es sei die schwerste Situation durch Brände in Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg, erklärte Staatspräsident Emmanuel Macron. Auch Kommentatoren zeigen sich beunruhigt und diskutieren nötige Maßnahmen.
Es fehlt vor allem an Konsequenz
Europa muss sich noch viel besser wappnen, fordert das Handelsblatt:
„Trockenes Unterholz und Gestrüpp müssen entfernt oder besser bewirtschaftet werden. Brandschneisen, die Feuer stoppen oder zumindest abschwächen könnten, müssen her. Das Frappierende ist: All das ist seit Jahren bekannt. Nach den schweren Bränden von 2022 in Südwestfrankreich etwa war längst klar, was sich ändern müsste. Die zusätzlich geschaffenen Wege für Feuerwehrfahrzeuge und mehr Wasserstellen reichen bis heute nicht aus. Besonders die wirtschaftlich attraktiven Monokulturen mit gleichaltrigem Baumbestand machen viele Wälder weiter anfällig für Brände. In Spanien ist die Diagnose ebenfalls nicht neu. Die Landflucht hat vielerorts dazu geführt, dass landwirtschaftliche Flächen aufgegeben wurden und verbuschen. Wo früher bewirtschaftete Landschaft war, wächst heute zusätzlicher Brennstoff. Das eigentliche Problem ist deshalb nicht fehlendes Wissen, sondern fehlende Konsequenz.“
Das kriegen wir nur in großem Stil in den Griff
Lokales Handeln löst das Problem nicht, schreibt der Umweltwissenschaftler Adrián Escudero in Eldiario.es:
„Womit wir konfrontiert sind, ist brutal, schockierend, wild und unbezwingbar. ... Wir können nichts tun, wenn wir uns nicht im großen Stil mit der Beziehung des Homo sapiens zum Planeten auseinandersetzen wollen. ... Innerhalb der Wirtschaftsarchitektur, in der wir leben und die wir nicht ändern werden, können wir nur an der Sicherheit der Menschen und ihrer Güter arbeiten. ... Einen Kilometer breite Streifen um jeden Ort roden, die Menschen darüber aufklären, was im Brandfall zu tun ist, Frühwarnsysteme verfeinern, Einsatzkräfte koordinieren, Ressourcen für den Katastrophenschutz bereitstellen.“
Moralische Bewährungsprobe
Libération appelliert an die gesamte Gesellschaft:
„Wir sollten uns daran erinnern, dass auf dem französischen Festland neun von zehn Bränden von Menschen verursacht werden. … Natürlich geben politische Entscheidungen Anlass zu Diskussionen, doch das Verhalten der Bürger sollte ebenso kritisch hinterfragt werden. … Die Brände in der Gironde sind eine moralische Bewährungsprobe, die wir nur dann bestehen, wenn wir diese Katastrophe als kollektiven Weckruf verstehen, der uns alle in die Pflicht nimmt. ... Wir dürfen das Feuer nicht sofort vergessen, sobald es gelöscht ist, dürfen die unerträgliche Wiederholung der Brände nicht einfach hinnehmen und müssen politische Veränderungen einfordern – ebenso wie Verhaltensänderungen von jedem Einzelnen.“
Klimawandel kennt keine Grenzen
Es ist nicht klug, die Augen vor den spürbaren Veränderungen zu verschließen, warnt Kaleva:
„Der Klimawandel löst keine Waldbrände aus. Tatsache ist jedoch, dass extreme Hitzewellen und Dürren zugenommen haben und das Risiko für Katastrophen erhöhen. Es ist bekannt, dass sich Europa doppelt so schnell erwärmt wie der weltweite Durchschnitt. In Frankreich wird beispielsweise bereits die vierte Hitzewelle in diesem Sommer erwartet. ... Der Klimawandel schert sich nicht um Staatsgrenzen. Deshalb bedarf es einer internationalen Klimapolitik, um ihm entgegenzuwirken. Die Vorsorge erfordert fundierte Erkenntnisse und die Zusammenarbeit von Akteuren, die in der Lage sind, Veränderungen herbeizuführen. Auch wenn die Fakten uns fern oder unangenehm erscheinen, ist es nicht klug, sie zu leugnen.“
Leider belohnen die Wähler Inkompetenz
In Spanien scheitern Gegenmaßnahmen über Gebühr an politischen Gräben, kritisiert The Spectator:
„In solchen Notsituationen verstricken sich die linke Zentralregierung und die rechten Regionalregierungen in gegenseitigen Schuldzuweisungen. ... Die unbequeme Wahrheit ist, dass die gefügige spanische Wählerschaft in diesem Teufelskreis der Vernachlässigung vollumfänglich mitwirkt. ... Spanien fehlt es nicht an Wissen oder technischen Kapazitäten zur Gefahrenabwehr. Doch Prävention erfordert langfristige Planung, parteiübergreifende Zusammenarbeit und wenig glamouröse Ausgaben. Und die Spanier können es nicht lassen, die Inkompetenz ihrer Politiker zu belohnen.“
Handeln ist Pflicht
Die Waldbrände zeigen, dass der Klimaschutz alternativlos ist, argumentiert The Guardian:
„Forderungen nach einer Abschwächung der Klimaschutzmaßnahmen gehen meist mit der Behauptung einher, Europa müsse in Zeiten geopolitischer Unsicherheit und aggressiven Wirtschaftswettbewerbs einen pragmatischeren Ansatz verfolgen. Dieses Argument ist gleich doppelt falsch: Je schneller die EU Klimaneutralität anstrebt, desto besser wird sie ihre Position auf den globalen Märkten der Zukunft festigen. Noch grundlegender ist, was die verheerenden Auswirkungen der diesjährigen Waldbrände eindrücklich verdeutlichen: Die Vorstellung, Klimaschutzmaßnahmen seien eine Art optionales Extra, das nur in guten Zeiten angebracht sei, steht der sich entwickelnden Realität diametral entgegen.“
Vorbeugen statt hinterher löschen
Unsere Landschaften müssen widerstandsfähiger gestaltet werden, drängt Libération:
„Wir müssen den Schutz der Waldgebiete dringend neu überdenken, denn sie machen mehr als ein Drittel unseres Staatsgebiets aus. Brandschneisen müssen als Mittel der Prävention und nicht erst der Gefahrenabwehr verstanden werden. Und auch die Weidewirtschaft und der Gemüseanbau müssen neu überdacht werden, ebenso wie die Einrichtung von Grüngürteln rund um die Wohngebiete, um diese zu schützen. Wir müssen auf diejenigen hören, die sich auskennen, sowie auf diejenigen, die an diesen Orten leben, und tiefgreifende Überlegungen zu unseren Landschaften anstellen. ... Nur so können wir die nächste Katastrophe in ein oder zwei Jahren verhindern und zugleich vermeiden, dass Verzweiflung in unkontrollierbare Wut umschlägt.“
Schluss mit der Vorsichtsmentalität
Frankreich sollte seinen Bürgern wieder mehr zutrauen, fordert L'Opinion:
„Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Die Vorsichtsmentalität hat ausgedient. … Es geht für die Regierung natürlich nicht darum, diejenigen im Stich zu lassen, die vor dem Feuer fliehen. Vielmehr geht es darum, die Bürger, die allzu oft als unreife und unvernünftige Wesen behandelt werden, zu einem zusätzlichen Hebel in den immer zahlreicher werdenden Kämpfen zu machen. Der Zivilschutz erfordert eine stärkere Eigenverantwortung der Bürger. … Anstatt die Kontroversen weiter anzuheizen und immer neue Ankündigungen zu machen, sollten sich die Präsidentschaftskandidaten darauf konzentrieren, die Risikokultur wiederherzustellen und die Eigenverantwortung der Franzosen zu stärken.“
Leben im Zeitalter der Superbrände
Der Schriftsteller Isaac Rosa denkt in eldiario.es über eine erschreckende Zukunft nach:
„Meine Tochter wurde 2011 geboren, mitten in der Wirtschafts- und Sozialkrise, die wir schon vergessen haben. ... 2036 wird sie 25, ein Jahr, das uns in dystopischen Bildern präsentiert wird: Vielleicht sind dann 50 Grad Celsius normal, und die jetzigen Brände 'die Brände, die uns erwarten' – 'in einem Zeitalter der Superbrände'. ... So sehen Eltern ihre Kinder aufwachsen, in einer Klimakrise ohne Pläne, ihr zu begegnen, kaum Zeit, es überhaupt zu versuchen, ohne aus den Fehlern des letzten Sommers zu lernen. ... Während die Regierung einen Staatspakt fordert, der schon zu spät kommt, während die Klimawandelleugner immer mehr Zulauf bekommen.“
Auch der Norden ist nicht sicher
Auch Nordeuropa muss sich auf großflächige Waldbrände vorbereiten, erinnert Aamulehti:
„Die Großbrände in Südeuropa sind eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass Klimaschutzmaßnahmen allein nicht mehr ausreichen. Große Waldbrände stellen auch in den nordischen Ländern eine echte Bedrohung dar. Dies wurde im Juli in Südnorwegen deutlich. In trockenem Gelände und bei heißem Wetter zerstörte ein außer Kontrolle geratener Waldbrand die Häuser von mindestens 400 Menschen. Ähnliches kann auch in Finnland und in Pirkanmaa [Region um den Redaktionssitz in Tampere] passieren. Sind wir darauf vorbereitet, in einer Situation zu handeln, in der sich ein großflächiger Waldbrand unkontrolliert ausbreitet und bereits an den Rand besiedelter Gebiete gelangt?“
Wasser, Feuer und Hitze zerstören unsere Heimat
Die Folgen des Klimawandels sind keine Zukunftsfrage mehr und betreffen uns alle, warnt La Libre Belgique:
„Bis vor Kurzem dachte man bei dem Begriff 'Klimaflüchtlinge' an weit entfernte Bevölkerungsgruppen, die durch den steigenden Meeresspiegel, Dürre oder Wüstenbildung aus ihrer Heimat vertrieben werden. Doch auch in Europa kann unsere Umwelt innerhalb weniger Stunden unbewohnbar werden. Auch wir sind potenzielle Klimaflüchtlinge. … Wasser, Feuer und Hitze sind die drei Gesichter derselben Verwundbarkeit. Es wurde seit Langem vorhergesagt, dass diese extremen Wetterereignisse häufiger und intensiver werden – heute sind sie unsere Realität. Der Klimawandel ist nicht mehr bloß eine Kurve in einem Diagramm oder ein Szenario für 2050. Er lässt sich bereits in verlorenen Menschenleben und verwüsteten Landschaften messen.“
Brandschutz ist wichtiger als Aufrüstung
Europa muss seine Prioritäten ändern, fordert La Tribune de Genève:
„Man erntet genau das, was man gesät hat. Indem man der Rüstung Vorrang vor dem Bevölkerungsschutz gegeben, die Flotte an Löschflugzeugen hat veralten lassen und sich geweigert hat, auf die Klimawarnungen zu hören, hat man den Flammen ein Spielfeld ohne Widerstand geboten. Die Brände werden häufiger, schneller und stärker sein. Solange es noch etwas zu verbrennen gibt, werden sie weiterhin unsere Landschaften verschlingen. Und solange die öffentlichen Haushalte weiterhin stärker auf Krieg als auf den Schutz des Landes ausgerichtet sind, wird sich nichts ändern. Es ist an der Zeit, es ganz offen zu sagen: Die größte Dringlichkeit ist nicht mehr militärischer Natur - sie ist klimatisch, menschlich und territorial. Wegzuschauen ist keine Option mehr.“
Mit Anschuldigungen löscht man keine Brände
La Vanguardia ist enttäuscht über die Reaktion der Politiker:
„Die Verantwortung ist geteilt. Am schwersten lastet sie auf den Brandstiftern. ... Doch es gibt auch andere. Ein Teil der Schuld liegt bei Waldbesitzern, die es versäumen, ihre Flächen ordnungsgemäß zu pflegen. ... Auch Institutionen tragen ihren Teil der Schuld, besonders wenn sie öffentliche Investitionen so drastisch kürzen, dass sie uns den alles verschlingenden Flammen schutzlos ausliefern. Und, was noch empörender ist, wenn sich rivalisierende Politiker gegenseitig mit Anschuldigungen überhäufen. ... So löscht man gewiss keine Brände.“
Wetterwechsel dürfen nicht träge machen
Ein Ende der Brände darf nicht dazu führen, dass Klimaschutzmaßnahmen wieder hintangestellt werden, mahnt Irish Independent:
„Die Waldbrände sind nur die eindrücklichste Veranschaulichung der Probleme einer sich erwärmenden Welt. In den kommenden Jahrzehnten werden weitaus mehr Menschen an den Folgen extremer Hitze sterben als durch derartige Feuer. ... Wir hatten den heißesten Juni seit Beginn der Aufzeichnungen. Er führte in ganz Europa zu 10.000 zusätzlichen Todesfällen. ... Die gute Nachricht ist, dass die Temperaturen in den kommenden Tagen voraussichtlich sinken werden. In einigen Regionen erwartet und erhofft man Regenschauer. Die Sorge besteht jedoch darin, dass die Entspannung der Lage als weiterer Vorwand dienen wird, notwendige Maßnahmen stillschweigend aufzuschieben.“