EU lockert Regeln für Gentechnik: Gut so?
Ab 2028 sollen in Europa gelockerte Regeln für den Einsatz von Gentechnik im Anbau von Lebensmitteln gelten, wie das EU-Parlament beschlossen hat. Als Richtlinie gilt dann vereinfachend gesagt: Hätte die Pflanze theoretisch auch auf natürlichem Weg so gezüchtet werden können, werden also keine artfremden Gene eingebaut, entfallen die Kennzeichnungspflicht und viele Umweltprüfungen.
Europa muss auch hier am Ball bleiben
Die EU hat sich damit entschieden, sich international nicht abhängen zu lassen, lobt L’Opinion:
„Erstens eine Entscheidung für Wettbewerbsfähigkeit gegenüber weit vorausgeeilten Konkurrenten. Zweitens eine Entscheidung für Souveränität, die nunmehr den möglichen Anbau von Pflanzen umfasst, die resistent sind gegen Trockenheit und Krankheiten. Drittens die Entscheidung für die Zukunft durch die Aufwertung von Spitzenforschung, welcher Deklassierung droht. Kurzum: eine Entscheidung für Macht. Täuschen wir uns nicht: Diese genetisch veränderten Pflanzen sind für die Landwirtschaft das, was die KI für die digitale Welt ist: ein Paradigmenwechsel. Dass die EU diese Revolution begleitet, ist ein positives Zeichen.“
Innovation erlauben, Risiko begrenzen
Die Gesellschaft muss einen Mittelweg finden, fordert Les Echos:
„Der Schlüssel liegt darin, der Wissenschaftsgemeinschaft endlich zu vertrauen. Gewiss ist diese oft zerstritten und die Wissenschaft kann sich irren, doch Zeit und Forschung erlauben es oft, einen Konsens hervorzubringen. ... Wer von Innovationsfreiheit spricht, erteilt noch keinen Freifahrtschein. Unsere Demokratien regulieren und schaffen Rahmenbedingungen, um Risiken und Exzesse zu begrenzen. Wer glaubt, dass wir Opfer skrupelloser Lobbys sind, die zum Schutz ihrer Interessen einen gefährlichen Laissez-faire-Ansatz vertreten, denkt zu vereinfachend.“
Ein Schritt weg vom Schwarz-Weiß-Denken
Der Tagesspiegel lobt:
„Wo es vorher nur ein 'ganz' oder 'gar nicht' bei der Kennzeichnung im Supermarkt gab, gibt es jetzt Nuancen. ... Die neue EU-Regelung geht nicht zuletzt mit dem Versprechen einher: Dank NGT [Neuen Genomischen Techniken] muss eines Tages auch weniger Gift gespritzt und weniger Dünger gestreut werden, um die Natur und das Trinkwasser zu schonen. ... Für Verbraucher erhöht sich die Chance, ein gentechnisch verbessertes Produkt zu greifen, das genauso gesund ist wie ein konventionell gezüchtetes. Wer als Verbraucher trotzdem skeptisch bleibt, wird die modernen Zuchtmethoden künftig meiden können: Im Ökolandbau bleiben auch NGT-1-Pflanzen weiterhin verboten.“
Mögliche ökologische Folgen ignoriert
Die Zeit kritisiert:
„Sie nützt primär Unternehmen, die auf große Mengen einheitlicher Produkte für globale Märkte und Lieferketten sowie auf zahlungskräftige Kunden für Produkte aus Pflanzen setzen, die mit Vitaminen oder blutdrucksenkenden Stoffen angereichert worden sind. Je nachdem, wo und wie tief die neuen Techniken in den Stoffwechsel der Pflanze eingreifen, können sie unerwünschte Folgen für Gesundheit und Umwelt haben. Das gilt umso mehr, als die Deregulierung den Geningenieuren auch ermöglicht, an Wildpflanzen herumzuschnippeln und sie freizusetzen. Mögliche ökologische Auswirkungen haben die Kommission und die neue Mehrheit im EU-Parlament aber im Gesetzgebungsverfahren immer wieder eilig heruntergespielt.“