Woran ist Starmer gescheitert?
Großbritannien steht vor dem sechsten Wechsel an der Regierungsspitze in einem Jahrzehnt. Als Keir Starmer vor zwei Jahren Premier wurde, galt er als Hoffnungsträger, der Seriosität und Stabilität in die britische Politik bringen sollte und zahlreiche Reformen angehen wollte. Dass nun auch er das Handtuch wirft, liegt für Kommentatoren nicht allein in seiner Person begründet.
Saft- und kraftlos
Starmer fehlte das Zeug zu einer großen Führungspersönlichkeit, urteilt Pravda:
„Kein Charisma, keine Ideen. Anstand allein genügt nicht. Nach dem ambivalenten sozialistischen Labour-Chef Jeremy Corbyn, der zwar große Hoffnungen bei der Jugend weckte, dessen taktische und strategische Fähigkeiten aber kläglich waren, wurde der saft- und kraftlose Starmer notgedrungen zur Tugend. Die Menschen wählten 2024 Veränderung, doch sie bekamen keine. Das Land stagnierte. Die Stimme des Volkes wurde nicht gehört, und nun wird sie erneut laut.“
Bedürfnisse der Menschen zu lange ignoriert
Starmer hat der Schwung und der Sinn für die Bedürfnisse der Bevölkerung gefehlt, urteilt De Standaard:
„Den Kampf gegen den Populismus kann man nicht mit zurückhaltender Langweiligkeit führen – diese Erkenntnis ist nun auch zu Starmer und seiner Partei durchgedrungen. Während sich die Politik in London damit beschäftigte, wie hart der Brexit ausfallen musste, wie offen die Grenzen von Nordirland sein sollten und wie man die Boote auf dem Ärmelkanal aufhalten kann, mussten kranke Briten unmenschlich lange auf einen Arzttermin warten und ältere Briten mehr für ihre Heizkosten bezahlen.“
Noch ein Opfer des Brexit
Die verheerenden wirtschaftlichen Folgen des Brexit spielten eine zentrale Rolle für Starmers Scheitern, so The Irish Times:
„Sie haben das Wachstum gebremst und den Handlungsspielraum für öffentliche Ausgaben eingeschränkt. Fehleinschätzungen bei der Sozialreform, den Verteidigungsausgaben und der Steuerpolitik sind vor diesem Hintergrund zu sehen. ... Zehn Jahre nach dem Referendum treibt der Brexit die britische Politik weiter vor sich her. Die Herausforderung für den nächsten Premier besteht darin, zu beweisen, dass der Brexit Großbritannien nicht auch unregierbar gemacht hat.“
Instabilität hat tiefere Gründe
Starmers Scheitern ist ihm nicht persönlich anzulasten, sondern liegt im System begründet, meint Naftemporiki:
„Über ein Jahrhundert lang war das Zweiparteiensystem die Norm, doch heute herrscht in der politischen Landschaft Chaos. Die beiden traditionellen Pole verlieren an Boden gegenüber den Liberaldemokraten, den Grünen, der rechtsextremen Reform UK und den nationalistischen Parteien in Schottland und Wales. Diese Instabilität verbirgt tiefer liegende Probleme. Die britische Wirtschaft hat sich von der Finanzkrise 2008 nie wirklich erholt, und die Pandemie sowie der Krieg in der Ukraine haben die Lage weiter verschärft.“
Dogmen standen über dem Wohl der Bevölkerung
Labour hat einen bedeutenden Anteil an Starmers Scheitern, kommentiert Trud:
„Die Labour-Regierung unter Starmer hat sich als völlig unfähig erwiesen, die beiden größten Brände des Landes unter Kontrolle zu bringen, die das soziale Gefüge der britischen Gesellschaft buchstäblich zerreißen: Erstens das völlige Versagen in der Migrationspolitik und bei der Sicherheit. ... Zweitens die wirtschaftliche Katastrophe und die Rekordarmut. ... Der Rücktritt von Keir Starmer ist nicht nur ein persönliches Versagen. Er ist ein Eingeständnis des Scheiterns einer ganzen Ideologie, die globale Dogmen über die Sicherheit und das Wohlergehen des eigenen Volkes stellt.“
Briten haben Vertrauen in Politik verloren
Die ernüchterten Wähler laufen den Rechtspopulisten zu, stellt der Kurier fest:
„Die britische Arbeiterschicht hat jedes Vertrauen in die Politik verloren, der man einfach nicht mehr zutraut, etwas gegen die soziale Schieflage tun zu können oder auch nur zu wollen. Der stärkste Ausdruck dieser Verbitterung ist der Höhenflug des Rechtspopulisten Nigel Farage. Der Mann, der gemeinsam mit Boris Johnson den Brexit inszeniert hat, zieht jetzt die Menschen an, die die katastrophalen Folgen des EU-Austritts auszubaden haben. Offener kann man als Bürger seine grundsätzliche Verachtung für die Politik nicht ausdrücken.“