Trockenheit und Hitze: Agrarsektor in Not
Staubtrockene Böden, vertrocknete Pflanzen – und in der Folge magere Ernten und nicht genug Futter für die Tiere: Hitze und Dürre dieses Rekordsommers setzen der Landwirtschaft in Europa heftig zu. So verringern viele Bauern bereits ihre Viehbestände. Die Medien diskutieren, ob staatliche Hilfen Rettung bringen und wie der Agrarsektor dem Klimawandel begegnen kann.
Markt bietet keine Rettung
Das aktuelle Wirtschaftsmodell versagt bei der Versorgungssicherheit, warnt L'Humanité:
„Die Anpassung an diese neue Klimasituation darf nicht auf sich warten lassen. Sie erfordert radikale Umstellungen bei den landwirtschaftlichen Modellen und Praktiken, massive Investitionen in die Forschung sowie einen kollektiven Schutz der Landwirte, die immer brutaleren Schocks ausgesetzt sind. Eine Bewältigung dieser Herausforderungen unter dem Joch des 'freien und unverfälschten Wettbewerbs', an dem sich die EU-Politik orientiert, ist unmöglich. Lässt man den Markt sich allein regulieren, gefährdet man Tausende Betriebe sowie den Zugang zu Nahrungsmitteln für Millionen von Personen.“
Legt Vorräte an!
Klimakrise und Kriege machen eine Vorbereitung auf eine Nahrungsmittelkrise notwendig, meint Élet és Irodalom:
„Ernährungssicherheit bedeutet, dass ein Mindestmaß an landwirtschaftlichem Potenzial vorhanden ist und dass Vorräte angelegt sind, die in kritischen Situationen über einen relativ langen Zeitraum – vielleicht sogar über Monate – die Lebensmittelversorgung aus ausschließlich heimischen Quellen gewährleisten können. In Ungarn existiert dies heute weder auf gesetzlicher Ebene noch in der Praxis, das heißt, es gibt weder gesetzlich vorgeschriebene, einsetzbare [landwirtschaftliche] Kapazitäten noch staatlich unterhaltene Lebensmittelvorräte, die für mehrere Monate ausreichen, wie dies bei Erdöl oder Erdgas der Fall ist.“
Die Bauern können das allein nicht stemmen
An einer Unterstützung der Landwirte führt kein Weg vorbei, betont Der Standard:
„Was Bauern nach Totalausfällen der Ernte brauchen, ist finanzielle Hilfe. ... Den Preis dafür zahlen alle: Milch, Fleisch und Getreide werden sich weiter verteuern. ... Weltweit kosten Nahrungsmittel so viel wie seit drei Jahren nicht mehr. ... Die Krise ist bitterer Vorgeschmack auf den Umbruch der Lebensmittelproduktion. ... Es braucht hitzeresistente Pflanzen, Fruchtfolgen und bessere Bewässerung. Boden muss vor Erosion geschützt werden, verlorener Humus als Wasserspeicher wieder aufgebaut werden. Kulturen wie Mais sind in trockenen Regionen nicht haltbar. Allein werden das die Bauern nicht stemmen.“
Anpassung statt Finanzspritzen
Der Kurier fordert mehr Vorbeugung und Eigenverantwortung seitens der Bauern:
„Auch Bauern müssen ihr Geschäftsmodell anpassen. ... Österreichs Landwirtschaft muss hitzeresistenter werden – und die Politik weniger lernresistent. Wenn die vergangenen Krisenjahre etwas gelehrt haben, dann, dass uns mehr Eigenverantwortung guttäte. Dass es nichts bringt, reale Probleme so lange mit Geld zuzuschütten, bis sie sich nicht mehr verschleiern lassen. 'Koste es, was es wolle' kann sich Österreich einfach nicht mehr leisten. Das Zauberwort lautet 'Prävention'. Im aktuellen Fall ist das die Anpassung an Wetterextreme – und eine Klimapolitik, die diese Bezeichnung auch verdient.“
Ausweichen auf Nachtarbeit
Naftemporiki skizziert Auswirkungen der Hitze auf die Arbeitsbedingungen:
„Landwirte und Viehzüchter im Vereinigten Königreich, in Spanien, Italien und Frankreich passen ihre Arbeitszeiten an und investieren in Kühlanlagen. ... Bauern beginnen bereits um 2 Uhr morgens mit der Ernte und nutzen dabei die nächtliche Kühle, um den Feuchtigkeitsgehalt der Pflanzen ausreichend zu erhöhen und so die Anforderungen der Abnehmer unter extrem trockenen Bedingungen zu erfüllen. ... Die sich wandelnden Arbeitsbedingungen verdeutlichen, wie sehr die Lebensmittelbranche auf Ebene der landwirtschaftlichen Betriebe gezwungen ist, sich an das zunehmend unvorhersehbare Wetter anzupassen.“
Es braucht Bäume und Hecken auf den Feldern
Landschaftsingenieur Philippe Hirou und Ökologe Jacques Tassin plädieren in Le Monde für die Einführung der bisher eher in den Tropen gängigen Agroforstwirtschaft:
„Bäume sind Lebewesen, die grundlegend für die Regulierung und Förderung dieser Widerstandsfähigkeit sind. Wir sollten diese Ressource nutzen, die auf natürliche Weise dazu beiträgt, Regenwasser tief in den Boden zu leiten, Temperaturschwankungen auszugleichen, die bodenschädigende Wirkung übermäßiger Sonneneinstrahlung zu mildern, Windkräfte abzuschwächen und sogar überschüssigen Kohlenstoff zu binden. Bei guter Bewirtschaftung können Bäume mit zu den besten Verbündeten der Landwirte zählen. Die Vertreter des vorherrschenden Agrarmodells stellen Hecken jedoch oft als Relikte der Vergangenheit dar: nutzlos und einschränkend.“
Wasserverschwender zur Kasse bitten
Wasser muss in Deutschland teurer werden, fordert die Süddeutsche Zeitung:
„Das gilt allerdings nicht pauschal und für alle Nutzer gleichermaßen. Trinkwasser ist ein Menschenrecht, seine individuelle Verfügbarkeit darf nicht vom Geldbeutel abhängen ... . Wohl aber ist es an der Zeit, die großen Verbraucher in der Wirtschaft stärker zur Kasse zu bitten. Landwirte, Getränkehersteller, Industrieunternehmen oder Energieversorger verbrauchen etwa drei Viertel des Frischwassers hierzulande. ... Die Ressource Wasser ist nicht mehr unerschöpflich in Deutschland, Nutzungskonflikte und Verteilungskämpfe nehmen zu. Zu glauben, dass die Unternehmen davon in Zukunft verschont bleiben, wäre hochgradig naiv. Weshalb es aus ihrem eigenen Interesse heraus besser wäre, jetzt Vorsorge betreiben, anstatt später unter Druck und in Not zu geraten.“