Zehn Jahre Brexit: Was ist das Fazit?
Am heutigen Dienstag vor zehn Jahren stimmten die Briten für den EU-Austritt. Seitdem hat das Vereinigte Königreich sechs Premierminister gehabt – und steht vor dem Wechsel zum siebten. Europas Presse blickt zurück auf die Veränderungen, die die EU und auch Großbritannien durchgemacht haben und zieht Bilanz.
EU ohne diese Briten besser dran
Wie ist es der EU ohne die Briten ergangen, fragt Chefredakteur Jordi Juan in La Vanguardia:
„Viele der wichtigen Entscheidungen, wie die Schaffung des Next-Generation-Fonds, der europäische Green Deal oder die Einwanderungspolitik, wären vielleicht von den Briten nicht unterstützt worden, oder nur mit großer Mühe. Großbritannien hat sich schon aus dem Schengener Abkommen herausgehalten und den Euro nicht eingeführt. Es hat sich immer nur widerwillig für Europa engagiert. ... Wäre das anders und wären die jungen Briten europäischer gesinnt, wäre Großbritannien ein großartiger Partner und würde die EU enorm stärken.“
Nur der selbstironische Humor fehlt
Die EU hat gelernt, ohne Großbritannien zu leben, stellt The Economist fest:
„In vielerlei Hinsicht ist die EU unverändert geblieben. Englisch ist in Brüssel sogar noch stärker als Lingua franca etabliert als noch im Jahr 2016. ... Die vielleicht größte Auswirkung des Brexit betraf die Moral der EU. Der Block setzte sich gegen Großbritannien während der vierjährigen Scheidungsverhandlungen in jeder Runde durch. Das gab ihm das Selbstvertrauen, spätere Krisen zu bewältigen, sei es Covid oder die Ukraine. Der selbstironische Humor der britischen EU-Vertreter wird allerdings schmerzlich vermisst, selbst von einstigen ideologischen Gegnern.“
Europa rückt nach rechts
Der Brexit hat Europa nachhaltig verändert, analysiert der Historiker Andrew Knapp in Le Monde:
„Der Brexit und die Art der Brexit-Kampagnen haben weltweit ein Jahrzehnt entscheidender Erfolge der extremen Rechten eingeläutet. Diese steht inzwischen sowohl in Frankreich als auch in Deutschland vor den Toren politischer Macht und ist in Italien bereits fest etabliert. Und auch innerhalb der EU gewinnt sie an Einfluss. ... Im Falle einer unwahrscheinlichen Wiederannäherung der Briten würde Europa ein völlig anderes sein als jenes, das sie vor zehn Jahren verlassen haben.“