Norwegens Wikinger-Ästhetik bei WM – ein Fauxpas?

Norwegens Fußballteam hat sich auf einem Foto vor der Abreise zur WM als Wikinger verkleidet präsentiert. Die Fans übernahmen die Symbolik prompt und rudern nun im Stadion im Gleichtakt in einem imaginären Wikinger-Schiff, während sie dabei Ro! (Rudern!) rufen. Während Skandinaviens Presse das Spektakel zwiegespalten beobachtet, will man sich in der Türkei die Norweger zum Vorbild nehmen.

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Svenska Dagbladet (SE) /

Die Schweden ruderten — nicht die Norweger

Dass die Norweger Ruder-Chore anstimmen, findet Svenska Dagbladet historisch daneben:

„Norwegische Wikinger gelangten über das offene Meer zu den Britischen Inseln, nach Island, Grönland und Nordamerika, und in solchen Gewässern sind Ruder den Segeln unterlegen. Anders verhielt es sich für die Wikinger an der schwedischen Ostküste. Die Ostsee ist nicht besonders groß, und schwedische Wikinger, die weiterreisen wollten, mussten dies auf Flüssen wie dem Dnepr und der Donau tun. Indem sie auf diesen Flüssen ruderten, gelangten sie bis nach Gårdarike (Kyjiw) und (über das Schwarze Meer) nach Miklagård (Istanbul). ... Kurz gesagt: Die Wikinger, die von der norwegischen Küste aus in See stachen, segelten, während die, die ihre Reise an der schwedischen Ostküste begannen, schon recht bald zu den Rudern greifen mussten.“

Akşam (TR) /

Auch die Türkei sollte ihre Wurzeln feiern

Auch die Türkei sollte sich endlich offensiv über die Osmanen und das Bozkurt-Symbol vermarkten, obwohl es als Erkennungszeichen türkischer Rechtsextremer gilt, fordert der regierungsnahe Kolumnist Oğuzhan Bilgin in Akşam:

„Seit Beginn der Weltmeisterschaft betone ich, dass Fußball nicht nur Fußball ist, sondern zugleich ein Feld des politischen und kulturellen Kampfes zwischen den Nationen. Die Norweger bekennen sich sogar zu ihren barbarischen, plündernden, primitiven Vorfahren, halten sie der Welt vor Augen und machen daraus eine Marke. ... Dass wir Türken dagegen, eines der Völker mit der größten Zivilisations- und Staatsgeschichte, noch immer zögern, uns zum Wolfssymbol Bozkurt, zu unseren zentralasiatischen Wurzeln oder zur osmanischen Geschichte als dem Höhepunkt der türkischen Geschichte zu bekennen, ist unbegreiflich.“

Dagens Nyheter (SE) /

Peinlicher geht's kaum

Der Autor Alex Schulman empfindet in Dagens Nyheter starke Fremdscham:

„Entschuldigung, aber hätte ich mit ansehen müssen, wie [die schwedischen Spieler] Alexander Isak und Viktor Gyökeres sich auf ähnliche Wikinger-Albernheiten einlassen, wäre ich vor Scham gestorben. Doch die Norweger scheinen ganz begeistert zu sein, denn jetzt machen sie mit: Von den Tribünen ertönt nun ein wahnsinniger Sprechchor, bei dem alle plötzlich Galeerensklaven spielen und 'RO! RO!' schreien. ... Das Publikum besteht also auch aus Wikingern! Ich sehe die Bilder und kann es fast nicht glauben. Sie beugen sich gemeinsam nach vorne, als hätten sie ein großes Ruder ergriffen, und die ganze Zeit schreien sie einander zu: 'RO! RO! RO!' Was ist denn in Norwegen los? Wie konnte das nur so schiefgehen?“

Berlingske (DK) /

Nordische Symbolik ist unverdächtig

Berlingske warnt vor schnellen Vorverurteilungen:

„Es handelt sich um eine beliebte Kampagne, die sowohl das norwegische Kulturerbe thematisiert als auch das Selbstverständnis der breiten norwegischen Bevölkerung hinsichtlich des einzigartigen nationalen Erbes des Landes stärkt. Doch mit pawlowscher Reflexhaftigkeit ist die norwegische Linke schockiert. Die Darstellung der Nationalmannschaft als ein Volk stolzer Wikinger ist ihrer Meinung nach ein Ausdruck von Nazismus, Faschismus und Nationalismus – ja sogar ein erschreckender Ausdruck von 'Hypermaskulinität'. Dass die Nationalsozialisten nordische Symbolik für ihre verkommene Ideologie missbrauchten, kann nicht einer Kultur angelastet werden, die bereits fast tausend Jahre vor dem Nationalsozialismus untergegangen war.“