Nachfolge für Präsident Macron: Zu große Auswahl?

In Frankreich wird im nächsten Frühjahr ein neuer Präsident gewählt. Schon mehr als 30 Kandidaten haben ihren Hut für die Nachfolge von Emmanuel Macron in den Ring geworfen. Kommentatoren sehen angesichts der hohen Zahl von Bewerbern und ihrer Vorhaben gleich mehrere mögliche Gefahrenquellen.

Alle Zitate öffnen/schließen
L'Opinion (FR) /

Fataler Referendumseifer

Einige Kandidaten versprechen den Wählern Volksabstimmungen zu Themen wie Zuwanderung und Defizitbegrenzung – ein fataler Trend, warnt L’Opinion:

„Im Fall einer Niederlage bei den Themen, die ihre Kernvorhaben sind, würden die Kandidaten das Risiko eingehen, dass ihre Präsidentschaft totgeboren wird. Und die Wahrscheinlichkeit zu verlieren ist nicht gering. … Abgesehen von ihrem persönlichen Schicksal wird die Präsidentschaftswahl selbst durch diesen Referendumseifer geschwächt. Wieso sollte man für einen Kandidaten und dessen Programm stimmen, wenn dieser nach seinem Sieg alles auf eine Karte setzt? Indem sie versprechen, dieses verrückte Risiko einzugehen, glauben die Betroffenen, ihr Vertrauen in die Demokratie zu belegen. Allerdings scheinen sie von vornherein zu bestätigen, dass die Salbung durch die Direktwahl nicht ausreicht, um ihre Legitimität zu sichern.“

Le Temps (CH) /

Unverantwortliche Uneinigkeit

Le Temps ist besorgt:

„Die Zersplitterung der Ambitionen sowie das Auseinandertreiben der Egos lassen das rationale und vernünftige Frankreich gegen die Wand fahren. Diese Zersplitterung ist irrational, vernunftwidrig. Schlimmer noch: Sie ist absurd und vor allem inkonsequent. Sie wird für das bevorstehende Chaos verantwortlich sein, fast ebenso so sehr wie die Architekten des Chaos, [der radikal rechte] RN und [die radikal linke] LFI. Muss man daran erinnern, dass der überraschende Einzug des [damaligen Front-National-Chefs] Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl 2002 durch die Spaltung der Linken verursacht worden war? Und dass die Konsequenzen dieses Psychodramas weit weniger schlimm waren, da damals ja Jacques Chirac bereitstand, um zu retten, was noch zu retten war?“

Le Monde (FR) /

Herausforderungen verlangen Seriosität

Le Monde wünscht sich Zuversicht einflößende Kandidaten:

„In einer Welt voller Umbrüche wird 2027 die Fähigkeit, die Franzosen zu schützen, eine entscheidende Rolle spielen. Denn nichts in der vom [radikal rechten] RN propagierten Außenpolitik – seine Faszination für autoritäre Regime, seine Bewunderung für Donald Trump, seine Nähe zu Wladimir Putin – dürfte Zuversicht einflößen. … Es könnte jedoch sein, dass entgegen aller Erwartungen die Seriosität siegen wird, zumal das Land vor existenziellen Herausforderungen steht: hohe Schuldenlast, Wiedererlangung seiner Souveränität, Schwächung seines völlig durchlöcherten Sozialmodells.“