Ukraine: Proteste gegen Absetzung von Fedorow

Für viele Ukrainer gilt Mychajlo Fedorow als Politikstar der neuen Generation. Als Digitalminister hatte er die Handy-Applikation Dija eingeführt, die viele Behördengänge überflüssig macht. Als Verteidigungsminister setzte er auf Drohnen und die Abschaltung des Satelliteninternets Starlink für die russischen Invasoren. Nach wenigen Monaten im Amt musste er nun im Zuge eines Regierungsumbaus gehen, was zu Straßenprotesten im Land führte.

Alle Zitate öffnen/schließen
Hospodářské noviny (CZ) /

Herber Verlust

Hospodářské noviny beobachtet:

„Die Entlassung von Fedorow, der zu einer Art Symbol für den technologischen Wandel und den Mut der verteidigenden Ukrainer geworden ist, wird sowohl von westlichen Medien als auch von vielen Analysten und ehemaligen Politikern kritisiert. Ihnen zufolge war Fedorow maßgeblich für die positive Entwicklung an der Front in diesem Jahr und für die Bekämpfung der Korruption im Verteidigungsministerium verantwortlich. Russische Kriegsblogger im Telegram-Netzwerk feiern Fedorows Abgang. Ihnen zufolge war er einer der effektivsten ukrainischen Verteidigungsminister, der beispielsweise die Operationen der russischen Armee durch die Blockierung des Starlink-Netzwerks erheblich erschwert und zur Treibstoffkrise in Russland beigetragen hat.“

La Repubblica (IT) /

Da prallten Welten aufeinander

Warum Fedorow im Militär aneckte, erklärt La Repubblica:

„Mychajlo Fedorow, genannt 'Mischa', führte den Krieg wie ein Start-up und glaubte an Asymmetrien. Mehr Neuronen als Testosteron, eine Tischtennisplatte im Besprechungsraum, PowerPoint-Präsentationen, Turnschuhe statt Stiefel – und die Überzeugung, dass die Ukraine den Krieg eher mit den Joysticks von Drohnen als mit Gewehren gewinnen werde. ... Wenig überraschend, dass dieser 35-Jährige voller Ideen und Anglizismen (eines seiner Lieblingswörter, das die Offiziere zur Verzweiflung brachte, war data-driven), der das Verteidigungsministerium leitete, ohne auch nur einen einzigen Tag Militärdienst geleistet zu haben, früher oder später mit den Generälen aneinandergeraten würde.“

Der Standard (AT) /

Hat Selenskyj sich eines Rivalen entledigt?

Der Standard nennt einen möglichen Grund für die Absetzung Fedorows:

„So geschickt der Präsident in aller Welt um Hilfe für sein Land wirbt, so wenig Händchen beweist er mitunter für die Innenpolitik in der Heimat. Waren es 2025 die dubiosen Vorgänge rund um die ukrainischen Antikorruptionsbehörden, ist es jetzt die Abberufung des populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow, die vielerorts für Fassungslosigkeit sorgt. ... Warum Selenskyj nun aber ausgerechnet den erfolgreichen Fedorow absägt, weiß wohl nur er selbst. ... Schon wird in Kyjiw gemunkelt, Selenskyj wollte sich mit seinem Schritt schlicht eines Konkurrenten entledigen. Kommt es zu einem Waffenstillstand, stehen schließlich Präsidentschaftswahlen an.“

NV (UA) /

Lebhafte Zivilgesellschaft

Das Engagement der Bürger lobt Medienexpertin Tetjana Troschtschynska in einem von NV übernommenen Facebook-Post:

„Es ist wirklich gut, dass es in der Ukraine unter den jetzigen Bedingungen politisch aktive Menschen gibt. Denn die Vertrauenskrise gegenüber der Regierung besteht schon lange und hätte zu gesellschaftlicher Resignation führen können. Stattdessen sehen wir Engagement und Druck. Ein weiterer interessanter Punkt: Die etablierten Parteien haben in dieser Zeit nach und nach ihre führende Rolle bei der Entwicklung von Ideen und Positionen verloren; stattdessen entstehen lokale Initiativen, die das übernehmen. So fordern sie vom Präsidenten zumindest nachvollziehbare Erklärungen für nicht transparente Entscheidungen.“