Stellenabbau bei VW: Wie sollte Europa reagieren?

Volkswagen-Chef Oliver Blume hat einen Abbau von bis zu 50.000 Stellen bekannt gegeben – zusätzlich zu schon vereinbarten einzusparenden 50.000 Stellen. Damit sollten die Kosten des größten europäischen Autokonzerns auf ein "wettbewerbsfähiges Niveau" gesenkt werden. Vier deutsche Werke gelten als von Schließung bedroht. Kommentatoren debattieren Auswirkungen über Deutschland hinaus und nötige Maßnahmen.

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La Libre Belgique (BE) /

Ein Weckruf

Die Europäer müssen ihre wirtschaftlichen Interessen effizienter verteidigen, fordert La Libre Belgique:

„Unternehmen vor Dumping, unfairen Subventionen und Wettbewerbsverzerrungen zu schützen, verleiht unseren Industrien und dem Freihandel die Bedingungen für ihr Überleben. Während einige ein Aussterben der Industrie beobachten, erinnert uns die Krise bei Volkswagen daran, dass sie sich verlagert. Europa glaubte, den Handel als einen Raum gemeinsamer Regeln gestalten zu können, während der Rest der Welt ihn als Machtverhältnis und als Frage industrieller Souveränität betrachtet. Das von Volkswagen ausgesandte Warnsignal geht weit über das Schicksal eines deutschen Automobilherstellers hinaus – es betrifft die Rolle, die Europa künftig noch in der Weltwirtschaft spielen will.“

De Volkskrant (NL) /

Gewisses Maß an Protektionismus unabdingbar

Die Krise ist eine Warnung für ganz Europa, mahnt De Volkskrant:

„Volkswagen zahlt nun den Preis für seine Selbstgefälligkeit. Zufrieden mit seinem Erfolg war das Unternehmen blind für neue geopolitische und geoökonomische Gefahren, wie beispielsweise die zunehmende Abschottung des chinesischen und amerikanischen Marktes. Die Krise bei Volkswagen ist nicht nur ein Problem für das Unternehmen selbst, sondern auch ein deutliches Signal dafür, dass Europa seine Beziehungen zu China neu gestalten muss. In einer Welt, in der China und die USA ihre Industrien schützen, kommt auch Europa nicht um eine Form des Protektionismus herum.“

The Guardian (GB) /

Keine Angst vor "Made in Europe"

Die Krise bei VW sollte Anlass für die EU sein, endlich den "Industrial Accelerator Act" (IAA) zur Förderung europäischer Technologien und Produkte voranzutreiben, so The Guardian:

„Dessen Verzögerung ist teilweise auf Vorbehalte von Ländern wie Deutschland zurückzuführen, das stark vom Export abhängig ist und Vergeltungsmaßnahmen auf eine konsequente 'Made in Europe'-Strategie befürchtet. Kanzler Friedrich Merz setzt stattdessen auf einen wirtschaftsliberalen Kurs. Erst Anfang des Monats hat er ein Wachstumspaket vorgestellt, das auf Bürokratieabbau, die Schwächung von Arbeitnehmerrechten und die Anhebung des Rentenalters abzielt. Das sind die falschen Prioritäten. ... Brüssel und die nationalen EU-Regierungen können es sich nicht länger leisten, abzuwarten und darauf zu hoffen, dass die raueren Winde in der Weltwirtschaft vorüberziehen.“

Český rozhlas (CZ) /

Besser auf Werke außerhalb Deutschlands setzen

Český rozhlas hält es für sinnvoll, Autowerke in Deutschland als unrentabel zu schließen:

„Das wäre wirksam. Es würde bedeuten, die verbleibenden, florierenden Teile des Konzerns, wie beispielsweise den tschechischen Hersteller Škoda, weiterzuentwickeln und andere Ressourcen in vielversprechendere Sektoren zu lenken. Eine gute Idee. Doch die Frage ist, ob Manager und Politiker den Mut dazu aufbringen werden. Wahrscheinlich nicht. Und so werden sich die Probleme der deutschen Autohersteller und damit auch der mit ihnen verbundenen deutschen und tschechischen Industrien wohl weiter verschärfen.“

Seznam Zprávy (CZ) /

Gute Produktivität allein reicht nicht

Tschechien ist für Volkswagen ein günstiger Produktionsstandort, doch die wirtschaftliche Abhängigkeit von dem angeschlagenen deutschen Konzern ist groß, sorgt sich Seznam Zprávy:

„Ein Großteil der [tschechischen] Industrie, allen voran der Automobilhersteller Škoda, ist von seiner Existenz abhängig. ... Škoda Auto zählt zu den angesehensten Arbeitgebern in Tschechien, doch trotz seiner – für tschechische Verhältnisse – außergewöhnlichen Lohnpolitik sind die Produktionskosten deutlich niedriger als in den deutschen VW-Werken. Beispielsweise werden in diesen Werken Golf-Modelle gefertigt, die preislich und hinsichtlich der Zielgruppe mit dem Škoda Octavia konkurrieren. Die Produktion in Wolfsburg ist jedoch deutlich teurer, was sich negativ auf den Gewinn pro verkauftem Fahrzeug auswirkt.“

Pravda (SK) /

Auto-Fixierung der Wirtschaft wird sich rächen

Die schwere Krise bei Volkswagen wird alsbald auch Folgen in Tschechien und der Slowakei haben, fürchtet Pravda:

„Die düsteren Befürchtungen für die Slowakei, dass die Produktion des Porsche Cayenne, des Flaggschiffs des Bratislavaer Werks, nach Leipzig verlegt würde, haben sich nicht bewahrheitet. Vorerst können die Menschen in der Hauptstadt wie auch in Mladá Boleslav [Škoda-Werk in Tschechien] ruhig bleiben. Doch Kürzungen werden kommen, denn dem Autohersteller geht es nicht gut. ... Für die Slowakei bedeutet das nur eines: einen Weckruf. Unsere Industrie und Wirtschaft müssen nach Alternativen suchen. Wenn wir weiterhin nur auf Autos setzen (schließlich produzieren wir zusammen mit Tschechien die meisten Autos pro Kopf), dann droht uns eine Katastrophe. Es ist fünf vor zwölf.“