Raketeneinschlag in Polen: Wie ernst ist die Lage?

Ein mutmaßlich russischer Marschflugkörper ist während schwerer Luftangriffe Russlands auf die Ukraine in den polnischen Luftraum eingedrungen und auf einem Feld im Osten des Landes eingeschlagen. Polens Regierungschef Donald Tusk erklärte, es handele sich um einen "sehr ernsten Vorfall", aber es gebe keinen Grund anzunehmen, dass Polen das Ziel gewesen sei. Kommentatoren fragen sich, wie groß die Bedrohung ist.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE) /

Gefahr einer Eskalation bleibt

Dass es sich wohl nicht um einen gezielten Angriff auf Polen gehandelt hat, beruhigt die Frankfurter Allgemeine Zeitung nicht:

„Was wäre gewesen, hätte die womöglich fehlgeleitete russische Rakete einen geringfügig anderen Kurs genommen und eines der umliegenden Dörfer getroffen? Solange Russlands Krieg gegen die Ukraine unvermindert andauert, ist die Gefahr einer Eskalation real, bei der die NATO direkt in den Konflikt gezogen wird.“

Rzeczpospolita (PL) /

Kein Zufall

Russland will so eine Botschaft senden, glaubt Rzeczpospolita:

„Es ist kein Zufall, dass Russland gerade in dieser Nacht Lwiw angegriffen hat, nachdem Wolodymyr Selenskyj sich in den USA mit Donald Trump und anschließend in Lublin mit Donald Tusk getroffen hatte. ... Der Kreml liebt es, solche Signale zu senden, die zeigen sollen, dass ihm nichts und niemand wichtig ist und er bereit ist, gegen die ganze Welt Krieg zu führen. Das ist natürlich nicht wahr, aber die Russen wollen, dass wir glauben, es sei so. Auch das ist ein Element der Konfrontation Russlands mit der westlichen Welt.“

Onet (PL) /

Doch eher Zufall

Onet glaubt nicht an eine bewusste russische Provokation:

„Es ist möglich, dass es zu einer Fehlfunktion bei der Rakete gekommen ist oder dass ihre Navigationssysteme durch ukrainische elektronische Kampfsysteme derart gestört wurden, dass sie vom Kurs abkam und in Polen abstürzte. Theoretisch ist es natürlich auch möglich, dass die Russen absichtlich eine Rakete abgefeuert haben, die unweit der Stadt [Lublin] einschlug, in der sich am Vortag Donald Tusk und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj getroffen hatten. Diese letzte Hypothese erscheint jedoch etwas weit hergeholt. Es ist schwer vorstellbar, dass die Russen auch nur theoretisch damit rechnen könnten, dass Polen aufgrund dieses Vorfalls seine Politik gegenüber Russland in irgendeiner Weise ändern würde.“

Radio Kommersant FM (RU) /

Ignorieren funktioniert nicht mehr

Radio Kommersant FM sieht nach den Vorfällen in Polen und Rumänien Europas Politiker in Zugzwang geraten:

„Es ist anzunehmen, dass die Zahl solcher Vorfälle mit einer Ausweitung der Kampfhandlungen auf dem Territorium der Ukraine zunehmen wird. Europa und die Nato wollen offensichtlich nicht auf solche Fälle reagieren – am besten wäre es, sie gar nicht erst zu bemerken –, doch sie kommen nicht umhin, dies zu tun. ... Ja, man kann weiterhin so tun, als ob nichts geschehen wäre. Allerdings sind die westlichen Demokratien gezwungen, die öffentliche Meinung zu berücksichtigen. Und die Menschen werden immer mehr Fragen stellen. Deshalb wird man auf jeden Fall reagieren müssen. Andernfalls werden die Wähler andere, entschlossenere Politiker wählen.“

La Repubblica (IT) /

Die Lage ist angespannt

La Repubblica analysiert:

„Der Krieg in der Ukraine greift auf die EU und das Gebiet des Atlantischen Bündnisses über. Ein weiterer Beleg dafür, dass ein Zwischenfall jederzeit eintreten kann. Die Spannung stieg schlagartig. Ein F-16-Kampfflugzeug startete, um die Flugbahn der Rakete vom Typ Ch-101 zu überwachen, die – ersten Erkenntnissen zufolge – zunächst direkt auf die Ukraine zusteuerte und glücklicherweise in einem unbewohnten Gebiet, 75 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, in der Woiwodschaft Lublin, einschlug. ... Obwohl EU und Nato unverzüglich Maßnahmen zum Schutz ihres Verbündeten ergriffen, wurde versucht, den Vorfall zu relativieren, indem betont wurde, dass das Ziel der Rakete nicht Polen gewesen sei.“

24tv.ua (UA) /

Abschuss vor Nato-Grenze ist bester Schutz

Polen sollte zur Flugabwehr bereits im Luftraum über den westlichen Regionen der Ukraine operieren, meint 24tv.ua:

„Polnische Kampfflugzeuge und Luftverteidigungssysteme könnten russische Ziele bereits vernichten, noch bevor sie die Nato-Grenze erreichen. Das würde nicht bedeuten, dass Polen 'in den Krieg eintritt'. Es würde vielmehr bedeuten, dass Polen sich selbst schützt. Denn eine Rakete, die über Wolhynien in Richtung der polnischen Grenze fliegt, stellt nicht nur für die Ukraine eine Gefahr dar. Die Ereignisse dieser Nacht haben das einmal mehr deutlich gemacht.“