Kann man die Tour de France wieder bejubeln?

Egan Bernal hat die Tour de France gewonnen. Der 22-Jährige ist der erste Kolumbianer, der sich den Gesamtsieg sichern konnte. Doch das ist nicht das einzige, was die Kommentatoren an der diesjährigen Tour begeistert.

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NRC Handelsblad (NL) /

Die Magie ist zurück

Frankreich hat die Tour de France wieder umarmt, stellt NRC Handelsblad fest, und das sei vor allem den Fahrern Julian Alaphilippe und Thibaut Pinot zu verdanken:

„Mit ihren unerwarteten Leistungen ist es ihnen gelungen, die Franzosen wieder mit dem wichtigsten Radrennen des Jahres - mit ihrem Radrennen - zu versöhnen. Doping - oder Dopingverdacht - Professionalisierung und vor allem die dadurch entstandene Berechenbarkeit hatten die französische Begeisterung in den letzten Jahren deutlich abkühlen lassen. ... Chauvinismus? Natürlich. Auch wir Niederländer finden, dass die 'Magie' der Tour wieder da ist, wenn die Niederländer Erfolg haben. Aber das ist nicht die einzige Erklärung. Es war eine Tour, in der sehr wenig die Rede war 'von der ganzen Wissenschaft des professionellen Radsportes, die das Rennen zu entmenschlichen droht', analysierte L’Équipe.“

Pravda (SK) /

Danach haben wir uns seit Jahren gesehnt

Sehr zufrieden mit dem Verlauf der Tour, speziell auch mit der Leistung des Slowaken Peter Sagan, zeigt sich Pravda:

„Wow, das war großartig! Spannend von Anfang bis Ende. Danach haben wir uns seit Jahren gesehnt. Der Tour-Gründer Henri Desgrange hätte wohl nur Sorgenfalten über das grüne Trikot bekommen. Peter Sagans Dominanz im Kampf der Sprintbesten ist so groß, dass sie der Konkurrenz beinahe schon schadet. Der Tourminator hatte in diesem Jahr keinen gleichwertigen Gegner im Feld. Sieben grüne Trikots hat noch nie ein Fahrer zuvor nach Paris gebracht. Wenn jemand die Chance hat, diesen großartigen Rekord zu brechen, dann nur Sagan - in einem Jahr.“

Libération (FR) /

Die Tour lebt wieder

Die Tour de France hat sich von den Doping-Skandalen der Vergangenheit erholt, freut sich Libération:

„Seit der Festina-Affäre und der Aberkennung von Lance Armstrongs sieben Titeln wegen Dopings stand fest, dass die Tour nicht mehr rund läuft. Dass die Riesen der Straße ethisch Zwerge sind, armselige Schummler, die sich durch Spritzen an die Spitze des Klassements hievten. Als Phantom des Pelotons hat das Doping die Siegerlisten dezimiert und einen Schatten auf jede Ausreißer-Gruppe geworfen. Warum sollte man sich für manipulierte Leistungen begeistern, wenn der Träger des Gelben Trikots von zwielichtigen Ärzten bestimmt wird? Nichts von alledem in diesem Jahr. So beginnen wir von einem denkwürdigen und sauberen Finale zu träumen in der Hoffnung, dass keine positive Kontrolle den Zauber plötzlich zunichte macht.“

Le Figaro (FR) /

Ein wahres Epos

Die Tour de France entzückt das Land, preist Le Figaro das berühmteste Radrennen der Welt:

„Es ist das letzte französische Epos. Jeden Sommer, drei Wochen lang. ... Auf tausenden Kilometern umringen Menschenmassen am Straßenrand die Gladiatoren. Sie treiben sie an Richtung Gipfel ... . Von Belfort bis nach Albi, vom Tourmalet zum Galibier entfaltet sich Frankreich wie ein Taschentuch, um seine tapferen Kämpfer zu umjubeln. Es ist das Frankreich der einfachen Leute, der Begeisterten. Sie glauben an die Schönheit der Geste, an die Erhabenheit der Anstrengung, an die Größe der Menschen. Dieses Jahr schenken ihnen zwei ihrer Landsleute Hoffnung auf den Griff nach den Sternen: Julian Alaphilippe und Thibaut Pinot. Große Klasse, Wagemut, Charakter: Da kommt Freude auf.“