Was hat der Einsatz in Afghanistan gebracht?

In Afghanistan hat sich die Sicherheitslage seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen ab ersten Mai dieses Jahres spürbar verschlechtert. Die islamistischen Taliban haben inzwischen etwa 90 der rund 400 Bezirke des Landes neu erobert. Für Europas Presse Anlass, den Sinn derartiger Missionen und ihre Erfolgsaussichten in Zukunft zu erörtern.

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The Times (GB) /

Es braucht mehr als Bodentruppen

The Times zieht ernüchternd Bilanz über die Militärinterventionen des Westens in der Region:

„Wir brauchen zuverlässige, belastbare Streitkräfte und müssen bereit sein, unsere wesentlichen Interessen zu verteidigen. Die Westmächte haben jedoch dabei versagt, andere Staaten aufzubauen. ... Immer wieder wurden Einsätze mit einer großen Zahl westlicher Bodentruppen beschlossen - und brachten dann keinen Erfolg. Kurze, intensive und begrenzte Interventionen mit Bodentruppen wird es wohl weiter geben. Für länger dauernde Einsätze wird sich der Westen jedoch wahrscheinlich auf ein Hexengebräu aus Diplomatie, finanziellen Anreizen, Angriffen aus der Luft, Spionen und Söldnern verlassen müssen.“

Jyllands-Posten (DK) /

Illusion Demokratie-Export

Westliche Werte mit Truppen nach Afghanistan zu bringen, funktioniert einfach nicht, bemerkt Jyllands-Posten:

„Der Krieg in Afghanistan zog sich über 20 Jahre hin - aus heutiger Sicht hätte der Westen auch nach zehn Jahren den Rückzug antreten können, das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Heere von Invasoren haben in Afghanistan über Jahrhunderte hinweg immer wieder Schiffbruch erlitten. Der Westen fühlte sich jedoch über die Geschichte erhaben und hat sich und die Strahlkraft seiner Werte überschätzt. Hier liegt eine wichtige Erfahrung für die Zukunft. Wer hat eigentlich gesagt, dass die Afghanen an Demokratie westlicher Prägung interessiert wären?“

Habertürk (TR) /

Ankara muss eingreifen

Die Türkei muss jetzt schnellstmöglich handeln, um eine Katastrophe zu verhindern, kommentiert Habertürk:

„Wenn die Situation so weitergeht, dann steht die Türkei bei einer möglichen Mission vor dem Problem, dass ein Großteil des Landes mit Ausnahme von Kabul und Umgebung von den Taliban kontrolliert wird! Laut Weltbank betrug die Armutsquote im Land 50 Prozent, nun wird erwartet, dass sie 70 Prozent übersteigen wird. ... Jetzt, wo sich alle internationalen Einheiten zurückgezogen haben, ist es lebenswichtig, dass die Türkei einen Raum für Diplomatie und Verhandlungen schafft und schnellstmöglich etwas unternimmt, um insbesondere dem menschlichen Drama im Norden des Landes Einhalt zu gebieten.“

Adevărul (RO) /

Rumäniens Strategen müssen Rede und Antwort stehen

Wie alle Alliierten hat auch Rumänien seine Soldaten aus den Einsatzgebieten in Afghanistan abgezogen. Zeit für unbequeme Fragen, meint der Journalist Cristian Unteanu in Adevărul:

„Wer und warum hat denn die Weiterführung der Missionen jenseits einer vernünftigen Hoffnung beschlossen? Diese Fragen müssen wir auf nationaler Ebene stellen: unseren politischen Anführern, die für die Entscheidung insgesamt zuständig waren, aber auch den militärischen Anführern. ... Oder vielleicht hatten sie aus unterschiedlichen Gründen Angst? Denn wer sind schließlich die Rumänen, etwas zu sagen, wenn die Amerikaner schon etwas entschieden haben? Werden wir die offiziellen Analysen vom Verteidigungsministerium zur Afghanistan-Episode sehen dürfen? Wenigstens post factum?“