Europäische Soldaten auf Grönland: Und was dann?

Nach dem Scheitern eines Treffens über die Grönlandfrage am Mittwoch entsenden mehrere europäische Nato-Staaten Militärabordnungen auf die arktische Insel. Uneinigkeit gibt es nun auch über das Ziel einer beim Treffen in Washington eingerichteten Arbeitsgruppe: Laut US-Präsident Trump solle diese lediglich technische Details der Übernahme von Grönland durch die USA klären. In Kopenhagen und Nuuk wurde dem vehement widersprochen.

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Der Standard (AT) /

Eine erstaunliche Mobilisierung

Die Entsendung europäischer Streitkräfte ist bemerkenswert, betont Der Standard:

„Der Vorgang scheint vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges absurd: Ausgerechnet Drohungen aus Washington führen dazu, dass ein Kern von Nato-Ländern, die auch EU-Staaten sind, mobilisiert, um eigenes Territorium zu schützen – vor dem Freund! Ist das der Startschuss zur Schaffung einer starken europäischen Säule in der Nato? Die Geschichte wird es zeigen. Bemerkenswert ist es in jedem Fall.“

La Libre Belgique (BE) /

Wieder nur ein Grüppchen

Dass es statt einer geschlossenen Aktion der EU erneut eine Reaktion einer kleineren Gruppe gibt, sorgt La Libre Belgique:

„Das Ende der EU ist kein intellektuelles Tabu mehr. Es wird politisch vorstellbar. Nicht aufgrund eines plötzlichen Zusammenbruchs, sondern durch langsame Erosion, Substanzverlust, Verzicht. Die Anzahl von Kooperationsprojekten in kleinerer Zusammensetzung nimmt zu, insbesondere im Verteidigungsbereich. Sie vermitteln etwas Simples: Das aktuelle Modell funktioniert nicht mehr oder nur sehr schlecht. In einer Welt bekundeter Autokratien, in der das Recht des Stärkeren gilt, ist Schockstarre keine Strategie. Entweder akzeptiert die EU es, sich zu reformieren und flexibler, kohärenter sowie reaktiver zu werden, oder sie bleibt das, was sie geworden zu sein scheint: ein Papiertiger.“

De Standaard (BE) /

Zähne zeigen geht nicht wegen der Ukraine

Trump hat schon gewonnen, Europa ist in der Defensive, klagt De Standaard:

„Die Schwachstelle der europäischen Position ist die Ukraine. Die Angst, dass die USA ihr Engagement zurückziehen, spielt unweigerlich eine Rolle im Umgang Europas mit Trump. Das zwingt die EU zu einer schwierigen Entscheidung. Entweder sie zieht eine ganz klare rote Linie in Grönland, mit dem Risiko eines Worst-Case-Szenarios in der Ukraine. Oder sie hofft auf anhaltende amerikanische Unterstützung für Kyjiw im Tausch für eine 'Lösung' in Grönland. Und das würde bedeuten: sich der imperialistischen Machtpolitik der schlimmsten Art zu beugen.“

Tageblatt (LU) /

Hoffen auf Weitsichtige in Washington

Öffentlichkeitswirksamen Rückhalt für Dänemark fordert das Tageblatt:

„[Das] dürfte der einzige Weg sein, der Trump noch von seinem Vorhaben abbringen könnte, Grönland nötigenfalls auch mit militärischer Gewalt unter seine Kontrolle zu bringen. ... [D]ie Europäer [sollten] gemeinsam mit Kanada und Großbritannien die dänischen Pläne dazu möglichst öffentlichkeitswirksam weitertreiben. Um den USA zuvorzukommen. Aber auch, um Gegendruck auf Washington aufzubauen, in der Hoffnung, dass dennoch in der politischen Klasse der USA und vor allem bei den Republikanern einige über die Amtszeit Trumps hinaus denken und eine Vorstellung davon haben, welchen außenpolitischen Schaden die Vollendung der Pläne ihres Präsidenten hinterlassen könnte.“

The Spectator (GB) /

Schachzug zum Zeitgewinn

Dass nun europäische Soldaten nach Grönland geschickt werden, hilft nur bedingt, so The Spectator:

„Es besteht die Gefahr, dass die ohnehin bereits knappen europäischen Verteidigungsressourcen zu einem für die Sicherheit des Kontinents kritischen Zeitpunkt nun noch weiter ausgedünnt werden könnten. … Das einzige positive Ergebnis des gestrigen Gipfeltreffens in Washington ist, dass die dänischen, grönländischen und amerikanischen Delegationen vereinbart haben, eine Arbeitsgruppe einzurichten, um Trumps Sicherheitsbedenken genauer zu erörtern. Die Dänen werden dabei vor allem hoffen, dass sie so zumindest Zeit gewinnen, um die Verteidigung Grönlands nach ihren Vorstellungen zu stärken. … Klar ist: Das wird nicht das Ende der Krise für Europa sein.“

La Stampa (IT) /

Klimawandel legt potenziellen Konfliktherd frei

Europa ist blind für die Realität, wettert La Stampa:

„Während das grönländische Eis jährlich etwa 300 Milliarden Tonnen verliert, schmilzt eine weitere europäische Gewissheit ebenso schnell dahin: die Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten von Natur aus Verbündete sind und Russland eine Schicksalsbedrohung ist. 80 Jahre lang haben wir in dieser Vereinfachung gelebt wie in einem Haus mit dicken Mauern. Jetzt untergräbt die globale Erwärmung – sowohl klimatisch als auch geopolitisch – deren Fundamente. ... Aber sich dabei auf Trump zu fixieren, ist wie immer der bequemste Weg, um nicht die Realität zu sehen. Und die Landkarte. Denn Trump geht irgendwann, während Grönland genau dort bleiben wird, wo es ist: im Zentrum eines Machtkampfs, den keine Regierung jemals beenden wird.“

Politiken (DK) /

Mehr Bluff als Abschreckung

Politiken sieht die Entsendung europäischer Militärs auf die Insel als eher symbolischen Akt:

„Natürlich steigert es die Dramatik des Ganzen, dass Nato-Staaten wie Schweden, Norwegen und Deutschland nun symbolische Soldatengruppen nach Grönland entsenden, um zu zeigen, dass es sich hier um mehr als nur einen Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Königreich Dänemark handelt. Es spaltet auch die Nato intern. Tatsächlich werden die europäischen Nato-Staaten aber höchstens lautstark protestieren. Sie würden niemals gegen die Vereinigten Staaten vorgehen. Sie wissen genau, dass ihre eigene Sicherheit gegenüber Russland gefährdet wäre, wenn sie den nuklearen Schutzschirm der USA verlören. Europas Nato-Staaten brauchen die Vereinigten Staaten mehr als umgekehrt.“

La Repubblica (IT) /

Riskante militärische Wendung

La Repubblica ist besorgt:

„Die Antwort des Alten Kontinents auf Trump ist schon eingetroffen. Und fast alle 'arktischen' Länder Europas bereiten sich darauf vor, Truppen zur Verteidigung der Eisinsel zu entsenden. ... All dies, während die EU darüber nachdenkt, ob Artikel 42 des Vertrags über die EU aktiviert werden kann, der gegenseitigen Kriegsbeistand für einen Mitgliedstaat der Union vorsieht. Die amerikanische Herausforderung scheint also bereits eine militärische Wendung zu nehmen. Eine völlig unerwartete Situation mit unabsehbaren Folgen.“

Aftonbladet (SE) /

Zusammenhalt macht stark

Aftonbladet betont die Wichtigkeit, dass die Nato- und EU-Staaten zusammenstehen:

„Den bereits in Grönland stationierten Soldaten müssen weitere folgen, und wir müssen gemeinsam demonstrieren, dass wir die Sicherheit in der Arktis sehr ernst nehmen. ... Auch Donald Trump muss sehr ernst genommen werden, selbst wenn er absurde Dinge sagt und tut. Die Zeit, in der die USA als Garant für Frieden und Sicherheit – die sogenannte Pax Americana – auftraten, ist vorbei. Unsere Antwort darauf sollte Zusammenhalt sein. Europa ist kein kleiner Staat, der vor den USA einknicken muss. Weder politisch, diplomatisch noch wirtschaftlich. Nicht, wenn wir uns gegenseitig unterstützen.“

The Economist (GB) /

Drei Ansätze im Umgang mit Trump

Europa kann auf dreierlei Art vorgehen, so The Economist:

„Beschwichtigen, Abschrecken und Ablenken. Vorerst besteht die Priorität darin, Trumps Bedenken zu zerstreuen, indem man ihm zeigt, dass seine angeblichen Sorgen innerhalb des bestehenden Rechtsrahmens gelöst werden können. Europa muss auch die zweite Option der Abschreckung in Betracht ziehen: In Brüssel und anderswo wird hart darüber diskutiert, Teile des kürzlich vereinbarten Handelsabkommens der EU mit Amerika auszusetzen oder den Technologieunternehmen der USA regulatorische Auflagen zu machen. Die letzte Hoffnung ist, dass Trump von seinem Vorhaben abgelenkt werden kann. Vielleicht findet er, sobald der Zuckerrausch der Venezuela-Operation abgeklungen ist, etwas anderes, worüber er sich Sorgen machen kann.“

Berlingske (DK) /

Dänemark hat sein Hausaufgaben gemacht

Die Washingtoner Begegnung war von Kopenhagen zumindest bestmöglich vorbereitet, lobt Berlingske:

„Das Königreich Dänemark hätte sich von diesem schicksalhaften Treffen nichts Besseres wünschen können, auch wenn klar ist, dass die Krise noch lange nicht abgewendet ist. Ungeachtet dessen, was die Zukunft bringt, verdient die dänische Regierung Lob für ihre Vorbereitungen auf dieses historisch entscheidende Treffen. … In den letzten Wochen ist ein Nato-Land nach dem anderen Dänemark zu Hilfe geeilt, wenn nicht mit Taten, so doch zumindest mit Worten. Die Anstrengungen gegen die amerikanische Aggression wurden, wie nötig, verstärkt. … Soweit, so gut. Ist die Krise nun endgültig abgewendet? So gut ist die Welt leider nicht.“