Ist Kanadas Premier Europas bester Verteidiger?

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat eine Rede von Kanadas Premier Mark Carney besondere Beachtung gefunden, in der er ein Ende der alten regelbasierten Ordnung und den "Beginn einer brutalen Realität" konstatierte. Die mittleren Mächte müssten sich gegen die Bedrohungen durch die Großmächte zusammenschließen und gemeinsam handeln, erklärte Carney. Auch Kommentatoren zeigen sich aufgerüttelt.

Alle Zitate öffnen/schließen
El País (ES) /

Rezept gegen barbarische Banden

Íñigo Domínguez, Korrespondent für El País in Rom, sieht in Mark Carney einen neuen Wortführer der EU:

„Europa hat endlich einen Anführer. Schade, dass er Kanadier ist, aber niemand ist perfekt. Ich spreche von Mark Carney. ... Ein nordamerikanischer Draghi, ein liberaler, pragmatischer, anständiger und vernünftiger Rechter. ... Wenn man ihm zuhört, fragt man sich, warum das niemand vorher gesagt hat; mit gesundem Menschenverstand spricht er darüber, wie man mit Trump und seiner barbarischen Bande umgehen soll. ... Wir brauchen eine hoffnungsvolle Linke, aber noch dringender brauchen wir eine ehrliche Rechte, die nicht länger bei diesem gefährlichen Unsinn mitmacht. ... Ich frage mich, ob es endlich alle begreifen oder ob wir noch schlimmere Brutalitäten sehen müssen.“

Witalij Portnykow (UA) /

Es geht um mehr als Geografie

Mark Carney zeigt, dass Europa nicht durch Grenzen, sondern durch Werte definiert wird, schreibt Publizist Witalij Portnykow auf Facebook:

„Es mag seltsam erscheinen, dass das Konzept einer Antwort auf die Rückkehr des Imperialismus in seiner schlimmsten Form von einem nichteuropäischen Politiker vorgelegt wurde. Doch das wäre auch eine Vereinfachung. Erstens war Carney nicht nur Chef der Zentralbank Kanadas, sondern auch der Bank of England. Zweitens ist 'Europa' nicht nur eine geografische Bezeichnung, sondern auch ein Wertesystem. Und aus dieser Perspektive sind Kanada, Grönland, Australien oder Neuseeland – geografisch weit von Europa entfernt – europäische Länder. Russland hingegen, das einen großen Teil des Kontinents umfasst, hatte zu Europa stets nur ein indirektes Verhältnis.“

Expresso (PT) /

EU ist noch nicht so weit

Expresso begrüßt Carneys Vorschlag, eine vernetzte Koalition der Mittelmächte ohne die USA zu schaffen:

„Die Carney-Doktrin hat eine intensive Debatte ausgelöst. Selbst wenn sie Erfolg haben sollte, wird der Prozess der Anpassung Kanadas an das, was wir als 'großen Bruch' bezeichnen können, schwierig und langwierig sein. Carney hat das Verdienst, 'die Dinge so zu sagen, wie sie wirklich sind'. In Portugal und vielen anderen europäischen Ländern sind wir dazu noch nicht in der Lage. Das Problem ist nicht nur der Mangel an politischen Möglichkeiten und unsere Dilemmata im Bereich Verteidigung und Wirtschaft, sondern auch der lange Prozess der strategischen Infantilisierung, den wir aus Bequemlichkeit während der von den USA garantierten hegemonialen Stabilität in Europa akzeptiert haben.“