Ist Kanadas Premier Europas bester Verteidiger?

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat eine Rede von Kanadas Premier Mark Carney besondere Beachtung gefunden, in der er ein Ende der alten regelbasierten Ordnung und den "Beginn einer brutalen Realität" konstatierte. Die mittleren Mächte müssten sich gegen die Bedrohungen durch die Großmächte zusammenschließen und gemeinsam handeln, erklärte Carney. Auch Kommentatoren zeigen sich aufgerüttelt.

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Irish Examiner (IE) /

Ein Weckruf

Endlich jemand, der Klartext spricht und Europa die Augen öffnet, freut sich Irish Examiner:

„Die 2.100 Wörter umfassende Demontage der Handlungen und Äußerungen von US-Präsident Donald Trump in Davos durch Mark Carney könnte sich als der einflussreichste Moment in der Amtszeit des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten erweisen, als der Moment, in dem Länder, die sich für Verbündete im Kampf für Demokratie hielten, gemeinsam erkannten, dass sie als Vasallen betrachtet werden. ... Es ist längst überfällig, dass die 'Mittelmächte' diesen Weckruf ernst nehmen. Wie Carney sagte: Wer nicht mit am Tisch sitzt, landet auf der Speisekarte. Grönland darf nicht der letzte Fall sein, in dem wir schnell und entschlossen gegen Tyrannen vorgehen.“

Hospodářské noviny (CZ) /

Loslösung von den USA ist unausweichlich

Spätestens Davos hat Europa die Notwendigkeit eines eigenen Wegs aufgezeigt, findet Hospodářské noviny:

„Die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney in Davos, die in den Augen europäischer Liberaler Trumps Geschwätz in den Schatten stellte, bietet einen Wegweiser für die Zukunft. Carney sprach davon, sich von Amerika zu lösen und eine neue Zusammenarbeit zwischen mittelgroßen Mächten zu schaffen, damit die Großmächte nicht mehr nach Belieben mit ihnen machen können, was sie wollen. Es ist und wird nicht einfach sein, aber es ist der Weg, den Europa – ob unter dem Dach der EU oder anderswo – beschreiten muss, um nicht nur seine Würde, sondern vor allem die Sicherheit und den Wohlstand seiner Bevölkerung zu gewährleisten.“

Corriere della Sera (IT) /

Keine Patentlösung für einen komplexen Kontinent

So leicht lassen sich die Ideen von Carney nicht auf Europa übertragen, wirft Corriere della Sera ein:

„Europa ist wohl die Region der Welt, die von der neuen strategischen Doktrin (und den konkreten Maßnahmen) der amerikanischen Regierung am meisten benachteiligt wird. Ideen und Vorschläge als Reaktion darauf sind willkommen. Europa unterscheidet sich jedoch von Kanada. Es ist potenziell viel stärker, bleibt aber schwach, weil seine Macht komplex (viele Staaten unterschiedlicher Größe und Ressourcen) und wandelbar (sie verändert sich je nach Kontext) ist. In der Koalition der Willigen ist Europa beispielsweise kaum mehr als ein territorialer Ausdruck. Es gibt EU- und Nicht-EU-Länder. ... Der Club der Willigen besteht aus souveränen Staaten.“

El País (ES) /

Rezept gegen barbarische Banden

Íñigo Domínguez, Korrespondent für El País in Rom, sieht in Mark Carney einen neuen Wortführer der EU:

„Europa hat endlich einen Anführer. Schade, dass er Kanadier ist, aber niemand ist perfekt. Ich spreche von Mark Carney. ... Ein nordamerikanischer Draghi, ein liberaler, pragmatischer, anständiger und vernünftiger Rechter. ... Wenn man ihm zuhört, fragt man sich, warum das niemand vorher gesagt hat; mit gesundem Menschenverstand spricht er darüber, wie man mit Trump und seiner barbarischen Bande umgehen soll. ... Wir brauchen eine hoffnungsvolle Linke, aber noch dringender brauchen wir eine ehrliche Rechte, die nicht länger bei diesem gefährlichen Unsinn mitmacht. ... Ich frage mich, ob es endlich alle begreifen oder ob wir noch schlimmere Brutalitäten sehen müssen.“

Witalij Portnykow (UA) /

Es geht um mehr als Geografie

Mark Carney zeigt, dass Europa nicht durch Grenzen, sondern durch Werte definiert wird, schreibt Publizist Witalij Portnykow auf Facebook:

„Es mag seltsam erscheinen, dass das Konzept einer Antwort auf die Rückkehr des Imperialismus in seiner schlimmsten Form von einem nichteuropäischen Politiker vorgelegt wurde. Doch das wäre auch eine Vereinfachung. Erstens war Carney nicht nur Chef der Zentralbank Kanadas, sondern auch der Bank of England. Zweitens ist 'Europa' nicht nur eine geografische Bezeichnung, sondern auch ein Wertesystem. Und aus dieser Perspektive sind Kanada, Grönland, Australien oder Neuseeland – geografisch weit von Europa entfernt – europäische Länder. Russland hingegen, das einen großen Teil des Kontinents umfasst, hatte zu Europa stets nur ein indirektes Verhältnis.“

Expresso (PT) /

EU ist noch nicht so weit

Expresso begrüßt Carneys Vorschlag, eine vernetzte Koalition der Mittelmächte ohne die USA zu schaffen:

„Die Carney-Doktrin hat eine intensive Debatte ausgelöst. Selbst wenn sie Erfolg haben sollte, wird der Prozess der Anpassung Kanadas an das, was wir als 'großen Bruch' bezeichnen können, schwierig und langwierig sein. Carney hat das Verdienst, 'die Dinge so zu sagen, wie sie wirklich sind'. In Portugal und vielen anderen europäischen Ländern sind wir dazu noch nicht in der Lage. Das Problem ist nicht nur der Mangel an politischen Möglichkeiten und unsere Dilemmata im Bereich Verteidigung und Wirtschaft, sondern auch der lange Prozess der strategischen Infantilisierung, den wir aus Bequemlichkeit während der von den USA garantierten hegemonialen Stabilität in Europa akzeptiert haben.“