Kommt es zur Wende im Ukraine-Krieg?

Spätestens nach der abgespeckten Militärparade am 9. Mai mehren sich die Stimmen, die von einem geschwächten Russland sprechen. Putins Rückhalt in der Bevölkerung scheint abzunehmen, manche spekulieren über einen möglichen Putsch und die militärische Lage im Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich verschlechtert. Die Frage, ob diese Situation zu einem Umbruch führt, beantworten Kommentatoren unterschiedlich.

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Expresso (PT) /

Die Lage kippt, aber Putin merkt es nicht

Der Kremlchef hat die Verbindung zur Realität verloren, meint Expresso:

„Im Gegensatz zu Putin, der längst den Kontakt zur Bevölkerung seines Landes verloren hat und immer isolierter lebt, wissen die Mehrheit der Gesellschaft und ein Teil der russischen Elite nur zu gut, dass ein politischer Sieg in diesem Krieg praktisch unmöglich ist. … Putin steht vor dem großen Problem, gleichzeitig mit der militärischen Lage in der Ukraine und mit der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung in Russland umgehen zu müssen. Der russische Präsident mag sich nicht verändert haben, aber sein Land hat sich verändert. Und zwar sehr.“

Viktor Schenderowitsch (RU) /

Nun wird abgerechnet

In einem Facebook-Post erinnert sich Schriftsteller Viktor Schenderowitsch an einen Moment im Jahr 2014, als ihm beim Anblick einer Großmutter mit ihrem Enkel bewusst wurde, dass irgendwann unschuldige russische Bürger für die Untaten Russlands büßen würden:

„Jeder Einzelne tut mir leid, aber alle zusammen nicht. Ich hatte damals natürlich keine Ahnung, wie diese Vergeltung genau aussehen würde. Selbst jetzt, wo ich sehe, wie Russland langsam in Flammen aufgeht, kann ich mir das nur in groben Zügen vorstellen. ... Aber es ist glasklar: Die Vergeltung ist da. Und es handelt sich nicht mehr um theoretische Überlegungen. ... Je länger dieser Albtraum andauert, je mehr ukrainisches Blut diese Schurken noch vergießen können, desto teurer und schmerzhafter wird der Ausweg aus dieser blutigen Geschichte.“

Süddeutsche Zeitung (DE) /

Echte Verhandlungen nicht in Sicht

Die Moskau-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, Silke Bigalke, sieht keine Anzeichen für eine Kehrtwendung:

„Putins Bedingungen ... haben sich nie geändert: Er ist erst zur Waffenruhe und zu weiteren Gesprächen bereit, wenn sich die ukrainischen Truppen aus den ukrainischen Regionen zurückziehen, die Putin für russisch erklärt hat. Putin hat nie klar definiert, was er als Sieg werten würde. Sollte er an seinen maximalen Forderungen festhalten und damit praktisch die politische Unterwerfung der Ukraine verlangen, wird bis zur Erschöpfung weitergekämpft und darüber hinaus. Für echte Verhandlungen bräuchte Putin einen pragmatischeren Ansatz. Der aber ist nirgends in Sicht.“