ESC: Im Spagat zwischen Politik und Show
Den Eurovision Song Contest in Wien hat die Sängerin Dara aus Bulgarien mit klarem Vorsprung gewonnen. Drei Jahre lang hatte ihr Land aus Kostengründen an dem Wettbewerb nicht teilgenommen, nun wird es 2027 zum Ausrichter. Israel, dessen Teilnahme zum Boykott von fünf Ländern geführt hatte, belegte erneut Rang zwei. Europas Medien lassen die kulturelle und politische Bedeutung des ESC Revue passieren.
Höchste Zeit zu gehen
Auch Dänemark sollte aus dem ESC aussteigen, findet Jyllands-Posten:
„Fünf Länder boykottierten die Veranstaltung, weil die EBU keine Stellung zu Israels Teilnahme beziehen wollte. Und das ist ein weiterer Grund, warum Dänemark sich jetzt verabschieden sollte: Es ist naiv zu behaupten, der ESC sei nicht politisch. Das wurde er, als Russland ausgeschlossen wurde. Wenn man damit anfängt, begibt man sich auf politisches Glatteis. Es gibt keinen Grund, warum Dänemark sich weiter in diese Show einbringen sollte. Abgesehen davon, dass es aussichtslos ist, an einem Melodie-Grand-Prix teilzunehmen, bei dem die Melodie verloren gegangen ist. ... Niemand wird uns vermissen. Und wir werden diese seltsame Show auch nicht vermissen.“
Abgesang auf die Israelfeindlichkeit
Über den zweiten Platz Israels freut sich The Spectator:
„Der Versuch, Israel als globalen Paria darzustellen, fand keinen Anklang. Stattdessen gaben normale, anständige Menschen – und nicht die Extremisten, die in den Innenstädten 'Globalisiert die Intifada' brüllen – ihre Stimme ab. … Israel kann auf eine beeindruckende Eurovision-Bilanz zurückblicken, weil es stets starke Beiträge ins Rennen schickte. ... Angesichts des schieren Niveaus von Bettans Auftritt war das diesjährige Ergebnis also kaum nur ein 'Anti-Protest'-Protestvotum. Was auch immer Israels Erfolg 2026 beflügelt hat, es sollte vor allem als Mahnung dienen, dass kulturelle Veranstaltungen nicht als Referendum über Außenpolitik missbraucht werden dürfen, so sehr sich manche Aktivisten das auch wünschen.“
Europa braucht diesen gemeinsamen Raum
Eine Lanze für den Wettbewerb bricht Der Tagesspiegel:
„Im Gegenteil: Gerade weil Europa politisch und gesellschaftlich so tief gespalten wirkt, braucht es Orte, an denen dieser Kontinent überhaupt noch gemeinsam sichtbar wird. Der ESC ist einer der letzten verbliebenen Momente, in denen Europa sich gleichzeitig begegnet – nicht als abstrakte Institution, sondern als kultureller Raum. ... Vielleicht ist genau das heute die eigentliche Botschaft des ESC: nicht, dass Europa konfliktfrei wäre. Sondern dass dieser Kontinent trotz aller Konflikte noch gemeinsame Räume besitzt. Denn die Alternative wäre nicht ein 'reiner', unpolitischer Wettbewerb. Die Alternative wäre gar kein gemeinsamer europäischer Raum mehr.“
Bulgariens Sieg rettet den Wettbewerb
Der ESC ist nicht apolitisch, betont NRC:
„Israel durfte mitmachen und abgesehen von einer Rüge der Festival-Veranstalter wegen des erneuten Einsatzes von Anzeigen zur Werbung von Stimmen schien die Teilnahme des Landes nicht anders als sonst auch zu sein. ... Der ESC bewies, genau wie die Eröffnung des Kunst-Events Biennale eine Woche zuvor, dass kulturelle Veranstaltungen nicht unpolitisch sind. ... Dass Israel in Wien den zweiten Platz belegte und somit den ESC im nächsten Jahr nicht ausrichten muss, bedeutet, dass der Song Contest vorerst von Bulgarien 'gerettet' wurde. Ob damit auch das Ansehen Europas gerettet ist, ist jedoch höchst fraglich.“
Kultur ist kein Luxus
Die Sängerin und Musikproduzentin Ruth Koleva appelliert in einem von Dnevnik veröffentlichten Facebook-Post an Bulgariens Politiker:
„Dieser Sieg gehört nicht Ihnen. Er ist nicht das Ergebnis einer Strategie, einer Politik, einer Vision oder der staatlichen Förderung der Musik. ... Warum hat Bulgarien so viele Jahre nicht am ESC teilgenommen? Weil der bulgarische Rundfunk (BNT) sich diesen 'Luxus' nicht leisten konnte. Nicht, weil es uns an Talent, Künstlern und Potenzial mangelt, sondern weil Musik hier keine Priorität hat. Also nein, bitte, schreiben Sie sich diesen Sieg nicht als Verdienst an. Verstehen Sie ihn lieber und machen Sie die Musik zu einer Priorität. Machen Sie Kultur zu einer Priorität.“