Nato-Gipfel in Ankara: Neue Rolle Europas?

Am Dienstag und Mittwoch treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten zum Nato-Gipfel in der Türkei. Neben der Zukunft der Ukraine, dem Umgang mit Russland und einer Positionierung zum Iran-Krieg wird von dem Verteidigungsbündnis auch erwartet, das Verhältnis zwischen den USA und Europa neu zu regeln, wie ein Blick in die Kommentarspalten zeigt.

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De Morgen (BE) /

Über geteiltes Sorgerecht nachdenken

Die Zeit ist reif für ein klärendes Beziehungsgespräch, findet De Morgen:

„Es liegt sowohl im Interesse der europäischen Nato-Mitglieder als auch der USA, bereits auf diesem Gipfel Klarheit darüber zu schaffen, wie die Nato 3.0 aussehen wird und wer was tun wird, wenn die Not groß ist. Hören wir auf, den Anschein zu erwecken, es gäbe noch ein einheitliches enges Bündnis, sondern streben wir eine optimale Distanzbeziehung an, mit einem klaren Zeitplan für eine Scheidungsregelung, wo dies erforderlich ist, und gemeinsamen Anstrengungen, wo dies noch möglich ist.“

El Periódico de Catalunya (ES) /

Wer mehr zahlt, kann mehr verlangen

Wie sich Europas Rolle in der Nato verändert hat, kommentiert El Periódico de Catalunya:

„Die europäischen Nato-Länder haben ihre Verteidigungsausgaben erhöht. Im Jahr 2025 sind die Militärausgaben europäischer Länder um 20 Prozent gestiegen, viel mehr als in China und dreimal mehr als in Russland, trotz des Krieges in der Ukraine. ... In zwei Schlüsselfragen hat sich die europäische Position durchgesetzt: in der Ukraine und im Iran. Aus dem Ankara-Gipfel muss also ein stärker europäisch geprägtes Bündnis hervorgehen, multipolarer und mit mehr Respekt vor den Regeln. Wer mehr zahlt, kann mehr verlangen.“

Le Temps (CH) /

Entwicklungen nicht nur passiv hinnehmen

Die EU-Korrespondentin Valérie de Graffenried fordert in Le Temps eine selbstbewusstere Rolle Europas:

„Ist es wirklich eine tragfähige Strategie, jegliche Ambitionen aufzugeben, um eine Fassade der Einheit zu wahren? Europa kann seine Verwundbarkeit angesichts der Unberechenbarkeit Donald Trumps, der regelmäßig die transatlantischen Beziehungen untergräbt, sicherlich nicht mehr verbergen. Und es vermittelt allzu oft den Eindruck, die Entwicklungen nur passiv hinzunehmen. Doch die eigentliche Herausforderung für die Nato besteht nicht mehr nur darin, mit Donald Trump zurechtzukommen. Sie muss vielmehr zeigen, dass ihr Zusammenhalt, ihre Glaubwürdigkeit und ihre Abschreckungsfähigkeit nicht von den Launen eines einzelnen US-Präsidenten abhängen.“

Corriere della Sera (IT) /

Meloni leichte Zielscheibe

Italiens Premierministerin hat keine einfache Position auf dem Gipfel, erklärt Corriere della Sera:

„Giorgia Meloni steht beim Nato-Gipfel vor einer doppelten und schwierigen Bewährungsprobe. ... Wie alle europäischen Staats- und Regierungschefs wird sie sich zunächst Donald Trump stellen müssen. Diplomaten – allen voran die amerikanischen – erwarten den nächsten Soloauftritt des Präsidenten, schräg und rücksichtslos. Er dürfte gegen jene Verbündeten austeilen, die ihn im Konflikt mit dem Iran angeblich nicht unterstützt haben, und zugleich jene Regierungen kritisieren, die seiner Ansicht nach zu wenig für die Verteidigung ausgeben. Die von Meloni geführte Regierung gehört zu beiden Kategorien und ist deshalb – gemeinsam mit der spanischen Regierung unter Pedro Sánchez – besonders stark Trumps Zorn ausgesetzt.“

24tv.ua (UA) /

Kyjiw braucht mehr Raketenabwehr

Eine der wichtigsten Erwartungen Kyjiws an den Nato-Gipfel ist die Stärkung der Abwehr gegen ballistische Bedrohungen, schreibt 24tv.ua:

„Es genügt inzwischen nicht mehr, alle paar Monate über neue Hilfspakete zu diskutieren – stattdessen braucht es langfristige Lösungen. Gemeinsame Rüstungsproduktion, Lizenzen für die Herstellung moderner Luftverteidigungssysteme, die Skalierung der Produktion von Patriot-Raketen sowie neue Finanzierungsmechanismen für die Verteidigungsindustrie – all das kann der Ukraine schon jetzt helfen, im Krieg gegen den russischen Aggressor nicht nur standzuhalten, sondern ihm empfindliche Niederlagen zuzufügen und die eigenen Städte zu schützen. Der jüngste massive Angriff auf die Hauptstadt hat gezeigt, dass wir Probleme bei der Abwehr russischer ballistischer Raketen haben – daher wird es ohne Unterstützung nicht gehen.“