9/11: 25. Jahrestag der Terroranschläge in den USA
Heute vor 25 Jahren entführten islamistische Terroristen vier US-Passagierflugzeuge und griffen damit zentrale Symbole US-amerikanischer Macht an. Fast 3.000 Menschen starben. Die Anschläge auf das World Trade Center und das US-Verteidigungsministerium veränderten die internationale Sicherheits- und Außenpolitik nachhaltig. Europas Presse erörtert die Folgen, die bis heute nachwirken.
Angriff auf die Grundpfeiler der Menschlichkeit
Giuseppe Notarstefano und Sandro Calvani vom Toniolo-Institut für internationales Friedensrecht beklagen in Avvenire den Verlust grundlegender Werte in Folge von 9/11:
„Zusammen mit den Zwillingstürmen von New York wurden auch die Grundpfeiler der Menschenrechte und der Würde jedes Einzelnen schwer beschädigt – bis auch die Türme der Gerechtigkeit und des Friedens einstürzten, die seit 1945, dem Jahr der Verabschiedung der Charta der Vereinten Nationen, errichtet worden waren. Die Terroristen wollten nicht nur den Tod zahlreicher Unschuldiger, sondern hofften vor allem, globalen Terror zu verbreiten. … Nach 25 Jahren können und sollten wir uns fragen, wer gewonnen hat – oder ob wir nicht alle ein Stück weit verloren haben, überall auf der Welt, auf eine ebenso unumkehrbare und unmenschliche Weise, wie es der Angriff selbst war.“
Sicherheitswahn ist zum Dauerzustand geworden
El Periódico de Catalunya beklagt nicht mehr zeitgemäße Kontrollen und exzessive Überwachung:
„Einige Folgen des 11. September prägen weiterhin den Sicherheitsalltag – von Flughafenkontrollen bis hin zur Überwachung und dem Informationsaustausch zwischen Staaten. Die damals begonnenen Kriege beeinflussen nach wie vor ganze Regionen, und manche der zur Terrorismusbekämpfung ergriffenen Maßnahmen haben die Bedrohung, die sie einst rechtfertigte, überdauert. Ungeklärt bleibt, wie sich Gesellschaften vor grenzüberschreitenden Bedrohungen schützen lassen, ohne Ausnahmeregelungen zu Dauerzuständen zu machen oder rechtsstaatliche Garantien zu schwächen.“
In der Rache-Falle gefangen
Trump und die USA verhalten sich heute so, wie es die Islamisten haben wollen, betont die Kronen Zeitung:
„Es war die Kriegserklärung des erwachenden Dschihadismus an den Weltherrscher USA. Und die USA gingen in die Rache-Falle: Irak, Afghanistan; zwei verlorene Kriege. 9/11 war der Anfang vom Ende des amerikanischen Jahrhunderts. Blinder Machteinsatz gegen blinde Fanatiker, die nichts zu verlieren haben. Die USA: imperiale Überdehnung, Verlust des Abschreckungspotenzials, völlige Entgleisung der Politik, Absturz in die Wahn-Welt eines Trump. Eine Supermacht zerlegt sich selbst – und die halbe Welt(wirtschaft) gleich mit. Genauso wollten es die Dschihadisten haben: David gegen Goliath, Schwert gegen Atombombe. Auf der Strecke blieb die Vernunft.“
Die Geschlossenheit von damals ist verflogen
Heute stünden die USA dem Anschlag hilflos gegenüber, glaubt Corriere del Ticino:
„Als die Terroristen von Al-Qaida 2001 die Zwillingstürme zum Einsturz brachten und dabei fast 3.000 Menschen töteten, wusste ein ins Herz getroffenes Amerika zu reagieren – geeint, mit Mut und Entschlossenheit. Der Westen scharte sich um seine mächtigste, aber auch seine meistbewunderte Demokratie. Eine sichere Führung. Der islamistische Terrorismus wurde schließlich besiegt, auch wenn er durch den verhängnisvollen Irakkrieg von 2003 und den gescheiterten Einsatz in Afghanistan an Stärke gewann. Sollte sich, Gott bewahre, eine solche Tragödie wiederholen, ist zu befürchten, dass ein von Spaltungen und Misstrauen zerrissenes Amerika jene würdige und stolze Geschlossenheit nicht wiederfinden würde.“
Falsche Reaktionen machten alles nur schlimmer
Moskowski Komsomolez analysiert die Folgen von 9/11 für die Weltpolitik:
„Offensichtlich durchschaubare Lügen dienten als Vorwand für die Aggression gegen den Irak [2003] – und wahrscheinlich waren es genau diese Momente, in denen die Hoffnungen, die durch den kollektiven Schock der Tragödie vom 11. September geweckt worden waren, vollständig verflogen. ... Dies brachte dem Nahen Osten keinen Frieden, sondern nur Chaos, Tod und Elend. Das Entstehen neuer terroristischer Netzwerke. Die Zerstörung von Staaten. Das Fiasko der amerikanischen Politik im Irak. Die chaotische Flucht aus Afghanistan. Und in der Perspektive eine noch härtere Konfrontation zwischen dem Westen und Russland als in den Jahren des Kalten Krieges.“
Wir riskieren eine Wiederholung
Der Westen ignoriert die Terrorgefahr aus Afghanistan, warnt Journalist David Loyn im Spectator:
„25 Jahre nach 9/11 ist Afghanistan erneut ein Zufluchtsort für internationale Terroristen, in dessen Koranschulen eine Generation von Selbstmordattentätern heranwächst. Al-Qaidas globales Hauptquartier liegt in Kandahar, und Augenzeugen berichten von ehemaligen Nato-Stützpunkten nahe Kabul voller ausländischer Kämpfer. Ich begann in den 1990er-Jahren aus Afghanistan zu berichten, als dort vom 'vergessenen Krieg' die Rede war. Erst der 11. September machte die Torheit dieses Kurses deutlich. Der Westen droht denselben Fehler zu wiederholen, wenn er wieder die Warnsignale aus dem Land ignoriert. Es ist Zeit für eine andere Politik: Man muss der Opposition Raum schaffen, auch für bewaffneten Widerstand.“
Islamophobie und Hass greifen um sich
Der Terroranschlag war eine Zeitenwende für die USA und die Welt, schreibt Visão:
„Der 11. September 2001 markierte einen Wendepunkt in Sachen Sicherheit und veränderte die Abläufe an Flughäfen und an öffentlichen Orten für immer. Und er veranlasste die USA, einen radikal polarisierenden Kurs einzuschlagen, bei dem die traditionelle diplomatische Sprache rasch durch moralische und religiöse Proklamationen ersetzt wurde. ... Das dadurch geschaffene Klima hat letztendlich das soziale Gefüge, die bürgerlichen Freiheiten und die institutionelle Architektur der westlichen Demokratien umfassend umgestaltet. Und es hat einerseits die Islamophobie und andererseits den Hass auf Amerika geschürt.“
Nicht mehr Bollwerk der Demokratie
Das Land hat sich selbst verloren, merkt Corriere della Sera an:
„Amerika hat seine Rolle als Bollwerk der westlichen Demokratien eingebüßt: Im Inneren ist der Impuls zur nationalen Einheit, der nach dem Terroranschlag von Al-Qaida entstanden war, zerfallen – zermürbt durch den gigantischen und kopflosen 'War on Terror' der Bush-Präsidentschaft. ... Eine 'imperiale' Reaktion und der gescheiterte Versuch, die Demokratie zu exportieren: Beides hat gegenüber Verbündeten wie Gegnern dem Ansehen Washingtons als Garant der weltweiten Machtbalance geschadet, während es im eigenen Land eine Reihe von Fehlentwicklungen in Gang setzte, die schließlich im souveränistischen Populismus eines zunehmend autoritären Donald Trump mündeten.“
Trump ist ein Erbe des Krieges
Delfi-Kolumnist Liudas Dapkus schreibt:
„Donald Trumps erste Spuren auf dem Weg zum Machtolymp sind ebenfalls eng mit jener Welt verknüpft, die Amerika nach dem 11. September zu erschaffen begann. Fremdenfeindlichkeit, Ideen vom Mauerbau, Versprechen zur Vertreibung von Muslimen – das war der Treibstoff, den sowohl er als auch jener verunsicherte Teil der Gesellschaft ins Feuer goss, dessen Erwartungen später von der Maga-Bewegung bedient wurden. ... Das Chaos, das die Figur Donald Trump in der Welt sät, und all die Ereignisse, die noch auf uns warten, sind nur Dominosteine, die immer noch fallen – seit jenem sonnigen Dienstagmorgen, an dem Flugzeuge in die Wolkenkratzer Manhattans krachten. ... So wurde uns der Krieg erklärt. Er dauert bis heute an.“