Cyberangriffe auf Supermärkte beunruhigen Europa
In mehreren europäischen Ländern sind Supermärkte Ziel von Hackerattacken geworden. Dabei verschafften sich die Täter offenbar Zugang zu den Temperaturreglern und heizten Kühlschränke und Tiefkühltruhen auf. Große Mengen Lebensmittel mussten daraufhin entsorgt werden. In den vergangenen Tagen gab es in Deutschland, Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden Vorfälle.
Willkommen in unsicheren Zeiten
Instabilität ist mittlerweile Teil des Alltags geworden, beobachtet Naftemporiki:
„Nichts scheint mehr selbstverständlich zu sein. Die Gewissheiten, auf denen unser Alltag beruhte, geraten ins Wanken. ... Cyberangriffe auf Kühl- und Tiefkühlschränke in Supermärkten in neun europäischen Ländern und Bombendrohungen, die zu Notlandungen von Flugzeugen führten, offenbaren eine neue Dimension der Unsicherheit. Die verwundbaren Ziele befinden sich nicht nur in Konfliktgebieten. Es sind der Verkehr, die Lebensmittelversorgung und die grundlegende Infrastruktur des Alltags. ... Europa steht vor der Herausforderung, eine anhaltende Phase der Instabilität zu bewältigen, ohne zu wissen, wann es zu einer Deeskalation kommen wird.“
Panik soll erzeugt werden
Die Angreifer verfolgen ein offensichtliches Ziel, betont Ilta-Sanomat:
„Sicher ist, dass es immer mehr Cyberangriffe dieser Art geben wird. Viele Akteure haben ein Interesse daran, bei den Menschen Besorgnis zu schüren. In Europa finden im Laufe des Jahres beispielsweise zahlreiche Wahlen statt, und es liegt im Interesse vieler Akteure, dass die Unzufriedenheit der Menschen zunimmt. Ebenso wie den Eindruck zu erwecken, dass die Behörden nicht in der Lage sind, die Gesellschaft zu schützen. Um solchen Beeinflussungsversuchen entgegenzuwirken, ist es am wichtigsten, ruhig zu bleiben. Panik ist genau das, was erreicht werden soll.“
Leichtes Spiel für Angreifer
Delfi ist besorgt:
„Tatsächlich weiß niemand von uns, woher der nächste Schlag kommen könnte. Fast unsere gesamte kritische Infrastruktur ist direkt oder indirekt mit dem Internet verbunden – von Ampeln bis hin zur Wasser- und Stromversorgung. Cyberangreifer müssen nur ein einziges Mal erfolgreich sein. Während staatlich wichtige Objekte hoffentlich bewusst und recht gut geschützt werden, sind die Geräte der breiteren Bevölkerung und der Unternehmen eine wesentlich leichtere Beute. Laut RIA (Informationssystemamt) gibt es in Estland rund 30.000 verwundbare Geräte. Heute Kühlschränke, morgen Wärmepumpen, Solarpaneele, Autos und Mobiltelefone...“
Hackerkrieg ums tägliche Brot
The Irish Times analysiert:
„Für diejenigen, die Unruhe stiften wollen, sind Ernährungssicherheit und die tägliche Verfügbarkeit von Lebensmitteln ein verlockendes Ziel. ... Der Einsatz Künstlicher Intelligenz beschleunigt die Suche nach Schwachstellen in Softwaresystemen erheblich. ... Natürlich haben auch diejenigen, die Systeme schützen wollen, die Möglichkeit – in vielen Fällen sogar die Notwendigkeit –, KI einzusetzen. So schreitet das Wettrüsten im Bereich der Cybersicherheit rasant voran und Unternehmen sowie Regierungen sind gefordert, darauf zu reagieren. Experten betonen, dass eine sorgfältige Planung heutzutage nicht nur darauf abzielt, möglichst viele Angriffe zu verhindern, sondern auch festlegt, wie die Organisation im Falle eines erfolgreichen Angriffs reagieren würde.“
Wir müssen unsere Schwachstellen erkennen
El Periódico de Catalunya fordert bessere Sicherheitssysteme:
„Plötzlich erkennen wir die Verletzlichkeit des hochentwickelten Lebenssystems, mit dem wir uns ausgestattet haben. ... Wir schaffen es, Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt zu ernähren, dank des Einsatzes einer Technologie, deren Bedeutung uns erst an dem Tag bewusst wird, an dem sie ausfällt. ... Wir stehen vor der Herausforderung, dass Sicherheit heute nicht nur von Grenzkontrollen oder Polizeipatrouillen auf den Straßen abhängt. Wir müssen im Cyberspace patrouillieren, um unsere Schwachstellen zu erkennen. ... Und das bedeutet nicht, in irgendeiner Form in Verschwörungsparanoia zu verfallen. Die Gefahren sind real und die Lösung besteht nicht darin, in die Steinzeit zurückzukehren.“
Angst schüren ist die Strategie
Corriere della Sera warnt vor ähnlichen Aktionen in komplexeren Infrastrukturen:
„Ein Angriff, der eher auf die Psyche der Menschen abzielt als darauf, Unternehmen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen – schon allein deshalb, weil die Hacker bislang offenbar keinen materiellen Nutzen daraus gezogen haben, außer dem, in der Öffentlichkeit erneut Angst zu schüren – oder zumindest zu glauben, dazu in der Lage zu sein. Eine Einschätzung, die den Sicherheitsverantwortlichen Sorge bereitet, die bereits im Oktober aktiv geworden waren, nach der Welle von Sabotageakten an Kühl- und Lagerungssystemen für Lebensmittel in französischen Supermärkten. ... Es besteht die Befürchtung, dass sich diese Art von Aktionen bei komplexeren und wichtigeren kritischen Infrastrukturen wiederholen könnten.“
Reaktionsfähigkeit wird getestet
Auch in Schweden waren Supermärkte von dem Cyberangriff betroffen. Aftonbladet erklärt am Beispiel von Preisen, was für eine Strategie hinter Attacken wie denen auf die Kühlung steckt:
„Auf den ersten Blick scheinen die Preisschilder im Supermarkt vielleicht kein zentraler Bestandteil des schwedischen Zivilschutzes zu sein. Doch auch kleine Störungen können große Folgen haben. In einem Hybridkrieg kann schon etwas so Einfaches wie die Unkenntnis darüber, was Lebensmittel kosten, völliges Chaos auslösen. Ein solcher Angriff kann von anderen, schwerwiegenderen Vorfällen ablenken. Die Aufdeckung der Unvorbereitetheit schwedischer Unternehmen und Behörden kann für einen feindlichen Akteur eine wirksame Propagandamethode sein. ... Zur Verteidigung gehört auch, zu wissen, was die Chipstüten bei Coop kosten. Keine fremde Macht darf sich da einmischen.“