Was ist vom Biden-Putin-Treffen zu erwarten?

Am morgigen Mittwoch treffen sich die Präsidenten Russlands und der USA in Genf. Dort wollen sie über die Pandemie, regionale Konflikte, Atomwaffen und die bilateralen Beziehungen sprechen. Auf dem Nato-Gipfel hatte Biden zuvor angekündigt, Putin Kooperationsmöglichkeiten anzubieten, aber auch, "rote Linien aufzuzeigen" und "die territoriale Integrität der Ukraine weiter zu unterstützen".

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The Times (GB) /

Polen und Baltikum verteidigen

Biden sollte Putin glasklar vermitteln, bei welchen Themen er keine Kompromisse eingehen wird, mahnt The Times:

„Bei seinem Bemühen, eine stabilere Beziehung [mit Russland] zu schaffen, muss Biden klarstellen, dass die USA die Verteidigungsfähigkeiten Polens und der baltischen Staaten weiter stärken werden. Dies stellt keine Eskalation dar, sondern ein Bekenntnis zur kollektiven Sicherheit, weil Russland gezeigt hat, dass es die territoriale Integrität seiner Nachbarstaaten nicht respektiert. ... Biden kann die Art und Weise, wie Putin regiert, weder durch Schmeichelei noch durch Zwang ändern. Seine Aufgabe wird es sein, die Botschaft zu vermitteln, dass die USA Russlands gegenwärtigen Kurs nicht dulden werden und außerdem weiterhin Menschenrechte und Rechtsnormen verteidigen werden.“

Corriere del Ticino (CH) /

Dialog anstreben, Stärke zeigen

Jetzt ist Bidens ganzes Geschick gefordert, erklärt Corriere del Ticino:

„Dass Genf reine Kosmetik bleibt, ist nicht auszuschließen. Von daher muss Biden das Spiel schlau angehen. Was Putin formal anstrebt, ist, sich nicht aus der Gruppe der Großmächte ausgeschlossen zu fühlen und gleichzeitig jede Lektion abzulehnen, die Washington ihm zum Thema Menschenrechte erteilen möchte. … Der US-amerikanische Präsident sollte sich dialogbereit zeigen, ohne jedoch schwach zu erscheinen, wie dies - die Geschichte lehrt uns - , vor sechzig Jahren Präsident John Fitzgerald Kennedy gegenüber dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow war. Das damalige Treffen war der Auftakt zum Berliner Mauerbau und zur durch sowjetische Raketen ausgelösten Kuba-Krise.“

Iswestija (RU) /

Lösungssuche statt Gezanke

Beide Seiten werden sich pragmatisch einer Liste von konkreten Themen widmen, glaubt Iswestija zu wissen:

„Noch vor seiner Abreise nach Europa hat Biden versucht, sich auf zwei Stühle zu setzen. Er erklärte gleichzeitig: 'Wir drängen nicht auf einen Konflikt mit Russland und wollen stabile und berechenbare Beziehungen' und 'Die USA werden entschlossen reagieren, sollte die russische Führung schädliche Dinge tun'. ... Da Russland alle US-Vorwürfe kategorisch von sich weist, kann von einem Eingeständnis seines 'schlechten Betragens' nicht die Rede sein. Sondern nur von der Vorlage einer langen Liste von Verhandlungsthemen zu atomarer und Cyber-Sicherheit, Pandemiebekämpfung, Klimaschutz, produktiver Zusammenarbeit in der Arktis und im Kosmos sowie anderen globalen Problemen.“

Ria Nowosti (RU) /

Spagat zwischen Härte und Konzilianz

Ria Novosti analysiert die Motivation zu dem Gipfel auf US-Seite:

„Einen Gipfel um des Gipfels willen braucht keiner, weder Russland noch die Vereinigten Staaten. Biden muss den Amerikanern und der Welt zeigen, dass die USA an die Steuerhebel der Weltordnung zurückkehren. Wenn das Treffen in Genf im Geist von Anchorage verlaufen sollte - also wie die Verhandlungen einer US- und einer chinesischen Delegation im März, bei denen es vor laufenden Kameras zu einem heftigen Schlagabtausch kam - dann macht das Weiße Haus keinerlei Punkte. Der US-Präsident möchte eine Balance finden: Er will den US-Bürgern und dem Westen seine Härte gegenüber Putin demonstrieren, aber zugleich auch seine Fähigkeit zu Verhandlungen und Dialog.“

Český rozhlas (CZ) /

Ein Handschlag ist das Maximum

Einen Durchbruch für die russisch-amerikanischen Beziehungen erwartet Český rozhlas nicht:

„Die Amerikaner möchten Russlands Vorgehen auf der internationalen Bühne berechenbarer machen, während die Russische Föderation zumindest den Anschein ihres ehemaligen Supermachtgewichts zurückerhalten will. Da Russland in seiner Wirtschaftsleistung mittlerweile eher eine Regionalmacht ist und die Unberechenbarkeit seines Handelns als Vorteil sieht, wird weder das eine noch das andere gelingen. ... Die allgemeinen Erwartungen sind die bescheidensten der letzten dreißig Jahre. Am Ende werden sich wohl alle freuen, wenn sich die beiden Präsidenten treffen, sich in die Augen sehen und einander die Hände schütteln.“

Tages-Anzeiger (CH) /

Vielleicht besteht ja Hoffnung

Der Tages-Anzeiger erinnert an ein historisches Treffen:

„Die Beziehungen zwischen den USA und Russland sind auf einem Tiefpunkt. Das wird auch der Händedruck in Genf kaum ändern. Allerdings ging man davon auch 1985 aus, als sich Michail Gorbatschow und Ronald Reagan trafen, ebenfalls im Hotel Intercontinental. Und dann begann mit einem Gespräch am Kaminfeuer der Anfang vom Ende des Kalten Kriegs. Ob auch Joe Biden und Wladimir Putin Geschichte schreiben werden, wird sich zeigen. Vorerst strebt der US-Präsident lediglich eine 'berechenbare, stabile Beziehung' zu Russland an. Das wäre ein Anfang. Und müsste eigentlich auch im Interesse des Moskauer Störenfrieds liegen.“