Türkei: Preisanstieg in Rekordhöhe

Nach 36 Prozent Inflation im Dezember 2021 erlebte die Türkei zum Jahreswechsel einen Preisschub bei Energietarifen und Mietpreisen: Strom wurde für Haushalte mit geringem Verbrauch 50 Prozent teurer, wer mehr als 150 kWh im Monat verbraucht, zahlt sogar 130 Prozent mehr. Auch die Preise für Erdgas, Benzin, Brückenmaut und die Mieten stiegen spürbar. Hält das System Erdoğan das aus?

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Karar (TR) /

Die Inflation wird die Wirtschaft abwürgen

Diese Preisanstiege sind nur der Anfang, das Schlimmste steht noch bevor, warnt Karar:

„Die künstliche Senkung des Leitzinses hat zuerst den Lira-Kurs hochschnellen lassen und dann die Preiserhöhungen nach sich gezogen. Die Zunahme der Inflation und der Risiken aus dieser Ungewissheit haben sich in den Krediten niedergeschlagen und dazu geführt, dass die Kreditzinsen hochgehen. ... Das Tempo des Anstiegs und Absturzes des Lira-Kurses hat die Basis für die Preisgestaltung zerstört und beginnt, sich negativ auf den Handel auszuwirken. Dabei ist es gewiss, dass ein beeinträchtigter Handel die Produktion und schließlich auch die Investitionen behindert. Für uns bleibt jetzt nur noch abzuwarten, bis sich dieser Effekt auch auf die Wirtschaftsdaten auswirkt.“

Yetkin Report (TR) /

Trotz tiefer Krise sieht Erdoğan die Lage rosig

Wie lange kann eine Wirtschaftskrise mit Feindbildern vertuscht werden, fragt sich Yetkin Report:

„Präsident Erdoğan kündigt weiter höhere Ziele an, weil er durch eine rosarote Brille schaut, während die Position der Türkei im internationalen Vergleich schrittweise zurückfällt, vom Pro-Kopf-Einkommen bis zur ungleichen Einkommensverteilung, von den Frauenrechten bis zur Unabhängigkeit der Justiz und der Pressefreiheit. ... Man versucht, Preiserhöhungen, Finanznöte und Arbeitslosigkeit mit der Schaffung von Feindbildern zu verschleiern: 'Deutschland ist neidisch auf uns, England ist am Boden zerstört, Amerika ist bankrott.' Ist das tragfähig? Falls ja, wie lange noch? Möglicherweise können so Krisen für eine Weile gemanagt werden, aber kann man so die Wirtschaft permanent antreiben?“

Süddeutsche Zeitung (DE) /

Teuerung führte schon einmal zum Machtwechsel

Die jüngere türkische Geschichte sollte Erdoğan eine Warnung sein, meint der Istanbul-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung:

„Die Teuerungsrate in der Türkei war zuletzt 2002 so hoch und die Experten sagen für das Frühjahr bereits 40 Prozent Inflation voraus. Das muss Erdoğan weit mehr beunruhigen als die Kritik an der von ihm verantworteten politischen Repression: 2002 kostete die Geldentwertung, neben der wuchernden Korruption und anderen Verrottungserscheinungen, die damalige säkulare Regierung das Amt - und brachte Erdoğan an die Macht.“