Davos: Was kann das Weltwirtschaftsforum bewirken?
Noch bis Freitag findet in Davos das Weltwirtschaftsforum statt, bei dem Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft unter dem diesjährigen Motto "Geist des Dialogs" zusammenkommen. Mit besonderer Aufmerksamkeit wird der Auftritt von US-Präsident Donald Trump am Mittwoch erwartet, der laut Medienberichten am Rande des Gipfels mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über den Friedensplan beraten will.
Ein Gipfel voller Möglichkeiten
Das Weltwirtschaftsforum bietet viele Chancen, urteilt Madeleine von Holzen, Chefredakteurin von Le Temps:
„Das WEF und die Schweiz können etwas bewirken. ... Es gilt, Entscheidungen zu treffen und vorzubereiten. In die USA investieren oder nicht? Andere Absatzmärkte erschließen? Sich aus strategischem Interesse mit bestimmten Ländern verbünden? Alle rechtlichen Mittel nutzen, um sich zu wehren? ... Wir stellen eine Forderung: Meine Damen und Herren, gewählte und ernannte Vertreter, politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger, nutzen Sie diese Plattform! Um zur Verbesserung der Lage in der Welt beizutragen und Davos zu einem echten Erfolg zu machen. Auch wenn das derzeit schwieriger denn je erscheint.“
Klimapolitik erfolgreich verdrängt
Jornal de Notícias kritisiert die Schwerpunktsetzung des Forums:
„Im 'Geiste des Dialogs' befasst sich das Weltwirtschaftsforum, eine Art Oscar-Verleihung für einflussreiche Politiker, Lobbyisten und Magnaten, mit der Zukunft des Planeten, wobei es sich weniger um die Gesundheit des Globus sorgt, sondern fast ausschließlich auf Kriege konzentriert, die wie giftige Pilze aus dem Boden schießen. Es ist merkwürdig, wie der Fokus auf die Umwelt von den Waffen verdrängt wurde. ... In dieser Welt gibt es keine gelatineartigen Monster oder Teenager mit besonderen Kräften wie in 'Stranger Things'. Aber was uns erwartet, ist nicht weniger beängstigend.“
Weltgeopolitisches Forum trifft es besser
Davos hat seinen Aufgabenbereich deutlich erweitert, stellt Corriere del Ticino fest:
„Vielleicht wäre es angesichts der starken Präsenz der Geopolitik treffender, das Forum heute als Weltgeopolitisches Forum zu bezeichnen. Da sich ein Großteil seiner Arbeit jedoch weiterhin auf die Wirtschaft konzentriert, wird es nach wie vor als Weltwirtschaftsforum bezeichnet, obwohl sich sein Aufgabenbereich im Laufe der Zeit deutlich erweitert hat. Geopolitische Fragen und in vielen Fällen sogar die Politik selbst haben beim jährlichen Treffen in Davos im Januar erheblich an Bedeutung gewonnen. ... Dieses Jahr kommt ein weiteres Element hinzu: die direkte Anwesenheit von US-Präsident Trump, begleitet von einer großen amerikanischen Delegation.“
Stillschweigen über das größte Risiko
Die politischen und wirtschaftlichen Eliten lehnen eine ehrliche Debatte über das zerstörerische Wirtschaftssystem ab, moniert die Philosophin Ingrid Robeyns in The Guardian:
„Alles deutet darauf hin, dass bei ihrem Treffen erneut das größte Risiko für die Menschheit und den Planeten nicht zur Sprache kommen wird: der neoliberale Kapitalismus. Der Übergang von sozialdemokratisch geprägten Mischwirtschaften zum neoliberalen Kapitalismus hat zu einer massiven Konzentration von Reichtum an der Spitze geführt, die nun unsere Demokratien untergräbt (und mancherorts sogar zerstört). Dass in den Kreisen der Elite eine nachhaltige Debatte über den neoliberalen Kapitalismus ausbleibt, ist unlogisch, da er die Hauptursache für die anderen Probleme ist, die in Davos durchaus diskutiert werden.“
Eine amerikanische Kolonie
Davos wird dieses Jahr von Trump und seiner Agenda dominiert, betont La Repubblica:
„Das Weltwirtschaftsforum in Davos, der Gipfel der globalen und globalistischen Eliten, des Multilateralismus und des Dialogs, wirkt dieses Jahr tatsächlich wie eine amerikanische Kolonie. Oder besser gesagt: eine Kolonie des Maga-Imperiums. Das Programm dreht sich komplett um Trump. ... Sowohl die offizielle Agenda, in der die eher 'woken' Themen wie der Kampf gegen den Klimawandel – typisch für ein stets politisch korrektes Forum – deutlich weniger sichtbar sind, als auch die parallele Agenda, der eigentliche Höhepunkt, die Ankündigungen zu Gaza sowie Treffen zur Ukraine mit Selenskyj und den europäischen Staats- und Regierungschefs vorsieht.“