ICE-Gewalt: Eskaliert die Lage in den USA?

Zum zweiten Mal in diesem Monat hat die Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis einen Menschen erschossen. Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums hätten die Beamten in Notwehr gehandelt. Auf Videoaufnahmen in US-Medien ist nicht zu erkennen, dass der Mann mit einer Waffe gedroht hätte. Europas Medien befürchten eine gefährliche Spirale der Gewalt.

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Die Zeit (DE) /

Unheil braut sich zusammen

Die Zeit blickt mit Sorge in die Zukunft:

„Es gibt ... jene, die von Gegengewalt sprechen. Davon, dass bewaffnete linke Gruppen überall in den USA sich auf den Kampf vorbereiteten. Es sind Momente, in denen einem schwindelig werden kann. Ein Präsident, der keine Grenzen kennt. Maskierte Männer, die niemandem Rechenschaft schuldig sind. Eine Stadt, die sich wehrt, würdevoll und solidarisch. Und eine kleine Zahl linksradikaler Aktivisten, die sich nicht mehr an das Prinzip der Gewaltlosigkeit gebunden zu fühlen scheint. Eine Lage wie diese, so verfahren und gefährlich, heißt auf Englisch: a perfect storm.“

Liberal (GR) /

Brutalität erzeugt Widerstand

Die Trump-Regierung begeht zwei schwerwiegende Fehler, findet das Webportal Liberal:

„Erstens unterschätzt sie das Ausmaß. Es ist eine Sache, Grenzen zu schützen, aber eine ganz andere, Millionen von Menschen aus dem städtischen Alltag zu entfernen. ... Die Abschiebung illegaler Einwanderer ist nicht etwas, das mit 'etwas mehr Entschlossenheit' erreicht werden kann. Es handelt sich um eine ganz andere Art von Maßnahme, mit enormen Kosten und einem enormen Potenzial für Tragödien. ... Zweitens ist Machtdemonstration kein Ersatz für Legitimität. Wenn die Durchsetzung des Gesetzes wie ein militärischer Überfall aussieht, wenn die Anwendung von Gewalt eher einem Reflex folgt statt als letztes Mittel zu gelten, dann 'erzwingt' die Regierung keine Ordnung. Sie erzeugt Widerstand.“

Dagens Nyheter (SE) /

Vehikel zur Machtzentralisierung

Die brutalen und massiven ICE-Einsätze sind für Dagens Nyheter Ausdruck von Trumps politischem Kalkül:

„Es ist offensichtlich, dass er die Kontrolle über die Ordnungskräfte zentralisieren möchte. Er versucht ständig, die Nationalgarde der Bundesstaaten zu befehligen, wird jedoch von den Gerichten zurechtgewiesen. Die ICE wird als eine Art brutaler Ersatz eingesetzt. Klar ist, dass der Präsident die ICE als großen Trumpf ansieht. Entweder lassen sich die Menschen unterwerfen – oder es kommt zu Konfrontationen, die Trump die Möglichkeit geben, sich als Mann der Ordnung und des Rechts darzustellen und weitere Maßnahmen zu rechtfertigen.“

Le Soir (BE) /

Live-Tod einer Demokratie

Le Soir zieht Parallelen zu den Ereignissen im Iran:

„Renée und Alex – diese Bürger, diese Demonstranten, sie werden heute auf offener Straße erschossen – nicht in Teheran, sondern in Minneapolis. Ihre maskierten und nicht identifizierten Mörder werden nicht von einem Ayatollah geschickt, sondern vom amerikanischen Bundesstaat. … Sie werden jedes Mal ohne Ermittlungen und Urteil freigesprochen. … Muss daran erinnert werden, dass es derselbe Donald Trump war, der den Iranern mit Raketenangriffen drohte, falls sie auch nur einen einzigen ihrer Demonstranten töten sollten? Was sich vor unseren Augen abspielt, ist der live verfolgbare Tod einer Demokratie und der Aufstieg einer Diktatur an der Spitze der größten Macht der Welt.“

Frankfurter Rundschau (DE) /

Wendepunkt in der Wählergunst?

Für die Frankfurter Rundschau hat der jüngste Fall das Zeug, die Stimmung gegen Trumps Migrationspolitik kippen zu lassen:

„[S]elbst einige in seiner Anhängerschaft zweifeln inzwischen am ICE-Einsatz. ... Diese Niederlage Trumps würde allerdings schwerer wiegen als die Rückzieher bei Grönland. Denn zum einen sind außenpolitische Themen in den USA weniger relevant. Zum anderen ist die Migrationspolitik ein wesentlicher Teil der Politik Trumps. Fällt dieser Dominostein, könnten die Wählerinnen und Wähler in den USA darauf kommen, Trumps Politik zu bilanzieren, was nur zu seinen Ungunsten ausfallen kann.“