Nach Grönland-Wende: Wie könnte es weitergehen?
Nach dem Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nato-Generalsekretär Mark Rutte sind Details darüber bekannt geworden, was ein neu ausgehandeltes Grönland-Abkommen beinhalten könnte. Medienberichten zufolge geht es unter anderem um zusätzliche Militärbasen unter US-Souveränität, eine größere sicherheitspolitische Rolle europäischer Staaten und das geplante US-Raketenabwehrsystem "Golden Dome".
Unnötig zerschlagenes Porzellan
Der Chefredakteur von Tygodnik Powszechny, Jacek Stawiski, schreibt:
„Ich wage die Vermutung, dass das amerikanisch-europäische Abkommen über Grönland erhebliche Änderungen hinsichtlich des Sicherheitsstatus der Insel enthalten wird. So könnten dort umfangreiche US-Truppenverbände, neue Militäranlagen, Stützpunkte, zusätzliche Häfen, Radar- und Abhörstationen stationiert werden. All dies hätte ohne Trumps irritierende und an Absurdität grenzende Arroganz erreicht werden können, mit der er gegenüber einem loyalen Verbündeten Washingtons wie Dänemark und gegenüber dem Rest der Nato seinen Willen durchzusetzen versuchte.“
Wunschzettel auf ein Minimum reduziert
Publizist Andrej Pawlitschenkow begrüßt auf Facebook den Rückzieher der USA in der Grönlandfrage:
„Trump ließ sich auf das Minimum ein – die Ausweitung des Vertrags mit Dänemark von 1951. Vorgeschlagen werden die Souveränität der USA über das Gebiet ihrer Stützpunkte auf Grönland (nach dem Vorbild der britischen souveränen Basen auf Zypern), einige neue Stützpunkte für das noch nicht einmal auf dem Papier bestehende [Raketenabwehr-] Projekt 'Golden Dome' und die Beteiligung an den Rechten auf Mineralien (die auf absehbare Zeit nichts wert sind). ... Es kann passieren, dass das Grönland-Projekt zur Erweiterung der USA aufgrund seiner Unbeliebtheit innerhalb von Trumps eigener Partei und der ziemlich harten Haltung Europas eingestellt wird.“
Die Dänen werden das nicht vergessen
Die Grönland-Krise wird noch lange in Erinnerung bleiben, meint Aktuálně.cz:
„Die Verbitterung der Europäer – insbesondere der Dänen – wird bleiben. All die groben Äußerungen und provokativen Bilder, auf denen Trump die amerikanische Flagge auf dem Territorium seines Nato-Verbündeten hisst, werden ihre Spuren hinterlassen. Trump nannte Dänemark undankbar. ... Das muss die Dänen am meisten schmerzen. Ein traditioneller Verbündeter hat sich gegen sie gewandt, ein Verbündeter, den sie nach dem 11. September 2001 nicht im Stich gelassen haben. Die Dänen entsandten rund 12.000 Soldaten an der Seite der Amerikaner nach Afghanistan, die tatsächlich kämpften und mit 43 Gefallenen bezahlten. ... Die Krise ist zwar (vorerst) abgewendet, doch daran werden sich die Dänen erinnern.“
Meisterhafte Diplomatie
Politiken lobt Dänemark und Grönland für ihr Verhandlungsgeschick:
„Die dänische und die grönländische Regierung haben die Situation meisterhaft bewältigt, zusammengehalten und unnachgiebig darauf bestanden, dass die territoriale Integrität der Reichsgemeinschaft unverhandelbar ist. Unsere europäischen Verbündeten und Kanada haben Dänemark in der größten Sicherheitskrise der jüngeren dänischen Geschichte ohne Zögern unterstützt. Die Krise ist allerdings noch nicht vorbei, Donald Trump ist dafür bekannt, seine Meinung ohne Vorwarnung zu ändern, aber hoffentlich bleiben die Grönländer nun von seinen mafiösen Machenschaften verschont.“
Trump handelt nicht allein
Helsingin Sanomat hofft, dass die EU aus dem Grönland-Konflikt gelernt hat:
„Auch wenn Europa keine konkreten Gegenmaßnahmen vereinbaren konnte, ist Trump klar geworden, dass seine Erpressung zu einer Gegenreaktion führen würde. ... Hoffentlich lernen die europäischen Entscheidungsträger daraus. Man darf nicht glauben, dass Trump allein handelt. Hinter Trump steht in den Vereinigten Staaten eine Front, die – aktiv oder passiv, lautstark oder stillschweigend – die derzeitige Linie unterstützt: Isolationismus, Egoismus und Distanzierung von Europa. ... Auch wenn in drei Jahren ein neuer Präsident in den Vereinigten Staaten gewählt wird, wird Vieles von Trumps Politik bestehen bleiben. Ebenso muss auch die Haltung, mit der Europa derzeit auf Trump reagiert, bestehen bleiben.“
Das Glück besser nicht auf die Probe stellen
Europa ist mit einem blauen Auge davongekommen und sollte nun nichts tun, was Trump aufregen könnte, rät The Spectator:
„Absolut nichts zu tun, ist eine Aufgabe, die den Fähigkeiten der derzeitigen europäischen Führung durchaus entspricht. Absolut nichts zu sagen, ist etwas, worin sie weniger geübt ist. ... Es gibt eine Vielzahl von Maßnahmen, die die Europäer zum jetzigen Zeitpunkt ergreifen könnten, um zu signalisieren, dass sie sich nicht herumschubsen lassen, doch die meisten davon sind wenig substanziell. Aber die Option, einfach nichts zu tun, steht ebenfalls zur Debatte, und ausnahmsweise könnte der Weg des geringsten Widerstands genau der richtige sein. Das mag zaghaft oder feige erscheinen, aber vielleicht ist das vorerst unser Schicksal.“
Kein brillanter Deal, sondern ein Rückzug
Nach Meinung von Dagens Nyheter kann von Entspannung nicht gesprochen werden:
„Eines sollte klar sein: Das ist kein brillanter Deal, sondern ein Rückzug. Nicht Ruttes Einreden auf 'Daddy', sondern der Mut der Dänen, sich dem Tyrannen entgegenzustellen, hat Wirkung gezeigt. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass wir den Widerstand fortsetzen müssen – und zwar gegen den Anführer jenes Landes, das eigentlich unser wichtigster Verbündeter sein sollte. Es ist ein Mann, der Artikel 5 niemals glaubwürdig machen kann. Die Nato hat Davos überlebt. Aber die Nato, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Unsere militärische Aufrüstung muss massiv beschleunigt werden.“
Verhandlungsbereitschaft ist ein Fortschritt
Europa sollte die jüngsten Entwicklungen als Chance betrachten, meint El Mundo:
„Die Geste deutet auf Verhandlungsbereitschaft hin, was im Gegensatz zu Trumps bisheriger konfrontativer Rhetorik steht und einen Fortschritt bedeuten würde. ... Dieser Fortschritt geht jedoch mit besorgniserregenden Anzeichen einher. Stunden zuvor bekräftigte Trump seine unerträgliche Verachtung für Europa, die sich in drei Punkten manifestierte: seinem strategischen Interesse an der arktischen Insel, seiner Bereitschaft, einen ungerechten Frieden für die Ukraine durchzusetzen, und seiner Missachtung der Nato. ... Europa muss den Rahmen einer Vereinbarung über Grönland als Chance zur Stärkung seiner strategischen Position begreifen, nicht als Garantie für Stabilität. Trumps Unberechenbarkeit mahnt zur Vorsicht.“
So ist Trump zu stoppen
Für L’Echo war die Reaktion der Märkte ausschlaggebend:
„Man muss sich auch klar machen, dass das, was Donald Trump aufgehalten hat, vor allem die negative Reaktion der Märkte war, wie schon am Tag nach dem Liberation Day im April 2025, als der US-Präsident seine Zölle ankündigte. Auf dem Höhepunkt der Spannungen am Dienstag kam es an der Wall Street zu für das Weiße Haus beunruhigenden Verkaufsbewegungen. Eine Analyse eines Experten der Deutschen Bank hob das Risiko der USA hervor, dass europäische Investoren einen Teil der 8000 Milliarden Dollar an US-Staatsanleihen, die sie halten, abstoßen könnten. ... Eine starke und geschlossene politische Haltung begleitet von einer Reaktion der Märkte – das sind die Zutaten, um den US-Präsidenten aufzuhalten.“
USA sind kein Verbündeter mehr
Der Publizist Sorin Cucerai meint auf der Webseite von republica.ro, dass sich die EU vom Gedanken verabschieden muss, dass das Nato-Bündnis mit den USA dauerhaft zu halten sein wird:
„Für die Europäer ist Amerika kein Verbündeter mehr, sondern nur noch ein Partner. In bestimmten Bereichen wird die Partnerschaft eng sein, in anderen weniger eng, und in einigen weiteren wird man im direkten Wettbewerb stehen. Doch eine Allianz wird es nicht mehr geben. Praktisch kehren wir zur Beziehung zurück, die es vor dem Zweiten Weltkrieg zwischen Europa und den USA gab. Denn Europa hat seine strategische Autonomie (wieder)erlangt. So, dass die Sicherheitsgarantien für die Europäer nicht mehr aus Washington kommen, sondern aus Brüssel.“
Finnland hilft gerne, das Eis zu brechen
Der Streit um die Arktis könnte sich für Helsinki wirtschaftlich auszahlen, spekuliert Kauppalehti:
„Finnische Werften haben einst Dutzende von Eisbrechern und eisgängigen Schiffen für die Sowjetunion und Russland gebaut, sodass es auch im Interesse Finnlands liegt, die Präsenz seines Verbündeten USA in der Arktis zu stärken. ... In Davos wurde diese Woche über die Stärkung der Nato-Präsenz in der Arktis gesprochen und auch darüber, die steigenden Verteidigungsausgaben für europäische Eisbrecher einzusetzen. Wenn man dieser außergewöhnlichen Situation etwas Positives abgewinnen will, dann ist es die Möglichkeit, dass Finnland neue Aufträge für Eisbrecher bekommt und es eine berechtigte Aufmerksamkeit für die Sicherheit in der Arktis gibt.“