Social-Media-Verbot: Australiens Beispiel folgen?
In Spanien macht sich die Regierung von Pedro Sánchez für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren stark, wie es im Dezember in Australien in Kraft getreten ist. Ähnliche Gesetzesinitiativen gibt es aktuell auch in Frankreich, Großbritannien, Rumänien und der Türkei – und sie bieten Europas Presse reichlich Diskussionsstoff.
Comic-Bann hat damals auch nicht funktioniert
Die Neue Zürcher Zeitung lehnt staatliche Social-Media-Verbote ab:
„Muss der Staat wirklich jeden Winkel des Privatlebens kontrollieren? Eltern können selbst entscheiden, was für ihr Kind gut ist und wie viel Zeit auf Tiktok es verträgt. Und – ein in der heutigen Zeit fast schon verwegener Gedanke – auch Jugendliche können Eigenverantwortung lernen. Ende der 1940er Jahre jedenfalls wollten die amerikanischen Behörden durchgreifen. In Detroit verbannte die Polizei Dutzende Comic-Magazine von den Zeitungsständen. Den Siegeszug der vermeintlichen 'Schundliteratur' konnte dies freilich nicht aufhalten. Anstatt die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, sollten Politiker lieber auf mehr Medienkompetenz an den Schulen und auf mündige Eltern setzen.“
Kampf den Freiheitsgurus
Die Schriftstellerin und sozialdemokratische Politikerin Irene Lozano hingegen hält in El País den Ruf nach Freiheit für verlogen:
„Diese Innovationsgurus sind typische Kämpfer gegen Regulierung, genauso wie die Tabakkonzerne. … Wenn ein Unternehmen ein süchtig machendes Produkt herstellt (Tabak oder soziale Medien) und mittels Forschung danach strebt, diese Sucht zu maximieren, dann ist die Berufung auf Freiheit praktisch ein Verbrechen. … Es geht um die Verteidigung unserer Autonomie zu denken und zu fühlen. … Spanien, Frankreich und Dänemark haben den richtigen Weg eingeschlagen. … Und Regulierung muss mit einer europäischen, öffentlichen digitalen Infrastruktur einher gehen. … Soziale Medien haben uns gelehrt, dass sie uns mit Hass, Einsamkeit und den Lügen infizieren, die die Demokratie untergraben.“
Erwachsene sind ebenfalls gefährdet
In vielen Staaten, darunter Großbritannien, ist die Debatte zu stark auf junge Menschen fokussiert, moniert Financial Times:
„Das Problem mit Keir Starmers neuen Vorschlägen zur Online-Sicherheit, die sich auf junge Menschen konzentrieren, ist der Mangel an Internetschutzmaßnahmen für Über-16-Jährige. Niemand, der Fotos von Gräueltaten gesehen hat, bleibt davon unbeschadet. Dennoch kursieren diese Bilder ungehindert im Internet. Gewaltpornografie und sexualisierte Kinderbilder, selbst mit künstlicher Intelligenz erzeugte, schaden nicht nur Minderjährigen, sondern auch Erwachsenen, da sie bei diesen bestimmte Erwartungen und Verhaltensweisen fördern. ... Für allzu viele Politiker ist das Verbot sozialer Medien für junge Menschen lediglich ein bequemer Ablenkungsversuch von unserem kollektiven Unvermögen, uns selbst zu schützen.“
Albtraum für Datenschützer
Auch in Deutschland beginnt die Debatte über ein Social-Media-Verbot. Für Die Zeit fällt dabei ein Aspekt völlig unter den Tisch:
„Es bedeutet, dass man das Alter einer Person im Netz irgendwie kontrollieren muss. Man braucht digitale Türsteher. Der Personalausweis ist eine Möglichkeit. Man müsste ihn hochladen oder vor die Kamera halten. Aber ganz ehrlich: Wer will den Plattformen freiwillig noch mehr persönliche Daten überlassen? ... Die EU will einen datenschutzkonformen Weg gehen. Sie plant eine sogenannte Wallet, eine Art virtuelles Portemonnaie. ... Das Problem: Diese Wallet gibt es noch nicht, sie soll erst 2027 kommen. Und: Werden nur ein paar der bisher recht datenschutzfreundlichen Parameter geändert, wird sie zum Datenschutzalbtraum.“
Kinder vor wildem Kapitalismus schützen
Star lobt die in der Türkei geplante Social-Media-Sperre für Kinder unter 15 Jahren:
„Bitte lasst uns darüber keinen Konflikt zwischen Regierung und Opposition anzetteln. ... Hier geht es nicht um eine Einschränkung von Freiheit. Eingeschränkt wird nicht das Recht unserer Kinder auf Zugang zu den Möglichkeiten des Internets im digitalen Zeitalter. Eingeschränkt, verboten und konsequent bestraft gehören vielmehr jene globalen digitalen Plattformen, die unsere Kinder ins Visier nehmen, ihnen Fallen stellen oder versuchen, über sie Profit zu machen. ... Es gilt, eine saubere digitale Welt aufzubauen und den neu organisierten, ständig seine Werkzeuge und Formen wechselnden wilden Kapitalismus zu bekämpfen.“
Das Individuum braucht den Staat
Die Kolumnistin Maria José Fuenteálamo der konservativen Tageszeitung ABC würde für ein Social-Media-Verbot in Spanien sogar links wählen:
„Ich habe lange nicht mehr so viel Lob von Eltern gehört. Die Ankündigung erntet allgemeine Zustimmung. ... Man könnte sich fragen, warum wir bei so viel Einigkeit ein staatliches Verbot brauchen. ... Die Antwort ist prägend: Das Individuum schafft es nicht allein; es braucht den Staat. ... Wir können kritisieren, dass der Staat sich sogar in unsere Bildschirme einmischt, aber hier ist das angebracht. ... Ich sehe darin sogar einen überzeugenden Grund, um Sánchez zu wählen.“
Wissenschaftliche Grundlage mangelhaft
El País ist skeptisch:
„Es gibt kaum Erfahrungen mit einem ähnlichen Experiment. … Und auch keinen wissenschaftlicher Konsens. … Eine Studie untersuchte jüngst die Entwicklung von 25.000 Kindern im Alter von 11 bis 14 Jahren über drei Jahre und kam zum Schluss, dass weder soziale Medien noch Videospiele hinter einer Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit stecken. … Klar ist aber, dass sie Gewalt, Mobbing, Sexualisierung, Polarisierung und Sucht unter Minderjährigen aus Profitgründen fördern. … Soziale Medien sind verheerend, richtig. Aber auch die Frage eines querschnittsgelähmten 15-jährigen Australiers im Guardian ist berechtigt: 'Was ist mit denjenigen, die isoliert sind?'“
Frage der nächsten Generation überlassen
Statt Verboten sollte Aufklärung greifen, meint Maszol:
„Wir haben auch nicht gesetzlich festgelegt, dass kleine Kinder nicht an Steckdosen herumfummeln dürfen, sondern sie haben die Gefahren zu Hause gelernt. ... Es muss keine gesetzliche Altersbegrenzung festgelegt werden, sondern der sichere Umgang gelehrt werden. ... Für uns, die nicht in diesem Umfeld sozialisiert wurden, sind soziale Medien manchmal unverständlich, aber vielleicht wird die heranwachsende neue Generation, die bereits jetzt einen besseren Überblick hat, Gesetze erlassen, die wirklich dazu beitragen, Tragödien zu vermeiden und Sicherheit zu schaffen. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir sie in der Zwischenzeit ausbilden.“