Welche Zukunft hat der Iran?

Neben Ali Chamenei sind bei den Luftangriffen auf den Iran auch weitere Führungskräfte des Regimes getötet worden. Am Ende seiner Videobotschaft wandte sich US-Präsident Donald Trump an das iranische Volk und skizzierte die Zukunft des Landes folgendermaßen: "Überall werden Bomben fallen. Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung. Sie wird euch gehören." Europas Presse zeichnet ein komplexeres Bild.

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France Inter (FR) /

Unkontrollierbare Eigendynamik

Die Zukunft des Landes wird im Innern entschieden, erinnert Kolumnist Pierre Haski in France Inter:

„Die Geschichte zeigt, dass man ein Regime nicht allein aus der Luft stürzen kann. Israel und die USA haben das iranische Regime enthauptet, aber sie haben nur wenig Einfluss darauf, wie es weitergeht. In ihrer Freude über den Sturz eines Tyrannen fragen sich die Iraner vielleicht, ob ihr Land nun wirklich ein freies Kapitel seiner Geschichte schreiben kann. Oder ob – wie die letzten zwei Jahrzehnte, in denen Regimewechsel von außen erzwungen wurden, gezeigt haben – dauerhaft Chaos herrschen wird, das mit erheblichen menschlichen Kosten einhergeht. Die Geschichte schreibt sich buchstäblich vor unseren Augen.“

La Stampa (IT) /

Machtstrukturen auf Chameneis Tod vorbereitet

La Stampa analysiert:

„Anders als in Saddam Husseins Irak, Gaddafis Libyen, Assads Syrien oder selbst Putins Russland ist die Islamische Republik zwar autoritär, wird aber nicht von einer einzelnen Person dominiert. Der Oberste Führer verkörpert ihr theokratisches Gesicht, befehligt die Streitkräfte und fungiert als Schiedsrichter des Systems. Doch er agierte in einem Kontext, in dem mehrere, sich teilweise überschneidende Machtzentren nebeneinander existierten. ... Hinzu kommt, dass Chamenei 86 Jahre alt war und der Iran sich seit dem Ende des Zwölftagekriegs auf einen erneuten Angriff der USA und Israels vorbereitete. Der Tod des Obersten Führers kam für das Regime nicht überraschend.“

Tages-Anzeiger (CH) /

Das Regime ist nicht am Ende

Die Gefahr einer Stärkung der Hardliner innerhalb des Machtzirkels betrachtet der Tages-Anzeiger:

„Auch wenn Ali Khamenei tot ist, das Regime ist es nicht. Die Revolutionsgarden und die mit ihnen verbundenen paramilitärischen Milizen haben die Macht im Iran faktisch bereits übernommen, als sie die jüngsten Aufstände brutal niederschlugen. Denkbar ist auch, dass die Hardliner innerhalb des Regimes durch die amerikanischen und israelischen Angriffe wieder gestärkt werden. Dazu kommt, dass der Iran ein Vielvölkerstaat ist mit gut 90 Millionen Einwohnern. Die Bevölkerung ist alles andere als homogen und deshalb grossen Zentrifugalkräften ausgesetzt. Neben der persischen Mehrheit gibt es zahlreiche ethnische und religiöse Minderheiten, darunter Aserbaidschaner, Kurden, Araber, Belutschen und Turkmenen.“

republica.ro (RO) /

Zwischen Nostalgie und Verzweiflung

Für republica.ro kommentiert Buchautor Adrian Stepan:

„Der Iran ist ein Land mit historischem Gedächtnis und ebenso großem Stolz. Er beansprucht seine arischen Wurzeln, erinnert sich an Kyros, Darius und die Schahs, die glaubten, dass die Kaiser von Rom und China zu Füßen ihres Throns sitzen würden. Er akzeptiert nur schwerlich die Rolle des frechen Schülers, der vom amerikanischen 'Gendarmen' bestraft wird. Gleichzeitig hat das Land eine junge, urbane Gesellschaft, die mit der Welt vernetzt ist, die der Verbote und permanenten Revolutionsrhetorik leid ist. Zwischen diesen beiden Kräften – imperialer Nostalgie und alltäglicher Verzweiflung – spielt sich jede mögliche Zukunft ab.“

Newsweek Polska (PL) /

Der Kronprinz könnte eher spalten als stabilisieren

Die von einigen gehegte Hoffnung, dass Reza Pahlavi eine Übergangsregierung anführen könnte, hält Newsweek Polska für wenig realistisch:

„Als iranische Ein-Mann-Opposition tritt bislang Kronprinz Reza Pahlavi auf, Sohn des vor fast einem halben Jahrhundert gestürzten Schahs. Pahlavi junior ist medial äußerst geschickt, unterhält gute Beziehungen zu Israel und kündigt an, dass er eine Übergangsregierung anführen könnte, bis die Iraner selbst entscheiden, ob sie zur Monarchie zurückkehren oder eine Republik bleiben wollen (die dann nicht mehr islamisch wäre). Die Schwäche des Kronprinzen besteht darin, dass er in seinem Heimatland über keine Strukturen verfügt, sodass sein Einzug in Teheran als Ritter auf weißem Ross die Gesellschaft noch weiter spalten könnte.“