Putin in Peking: Partner oder Bittsteller?
Nur wenige Tage nach dem Besuch von Donald Trump ist Wladimir Putin für zwei Tage nach Peking gereist. Russlands Präsident will dort mit Staatschef Xi Jinping die Weltpolitik und den Ausbau der wirtschaftlichen Verflechtung beider Länder erörtern. Die Medien bewerten sowohl die – laut Putin – "Beziehungen auf beispiellos hohem Niveau" zwischen Russland und China als auch Pekings gestärkte globale Rolle.
Sibiriens Erdgas als stabiles Bindeglied
Die russisch-chinesische Partnerschaft basiert auf Energielieferungen, so Kolumnist Pierre Haski in France Inter:
„Für China ist Russland eine Art Schatzkammer für fossile Brennstoffe direkt vor der Haustür, was in diesen Zeiten von Energieknappheit besonders wertvoll ist. Ein Blick auf die Delegation, die Putin nach China begleitet, genügt: Sämtliche Oligarchen der Energiebranche sind mitgereist. Eine zweite, 7.000 Kilometer lange Gaspipeline zwischen Russland und China über die Mongolei ist geplant: Power of Siberia 2 soll jährlich zusätzlich 50 Milliarden Kubikmeter Gas liefern. ... Diese gestärkte Energiepartnerschaft macht eine Entfremdung zwischen beiden Ländern auf absehbare Zeit unwahrscheinlich.“
Keine Freundschaft, sondern Zweckallianz
Xi und Putin verbindet weniger ideologische Nähe als ein gemeinsames Interesse, erklärt das Handelsblatt:
„Beide wollen eine Welt zurückdrängen, die jahrzehntelang von den USA dominiert wurde. Und beide profitieren davon, wenn Washington Unruhe verbreitet. Trumps impulsive Außenpolitik, seine widersprüchlichen Signale im Nahen Osten und seine sprunghaften Allianzen liefern Peking und Moskau die Vorlage, die sie brauchen. ... [H]inter der demonstrativen Harmonie steckt keine romantische Männerfreundschaft zweier Autokraten. Es ist eine Zweckallianz zweier Großmächte, die gelernt haben, dass Chaos manchmal der stärkste Klebstoff geopolitischer Partnerschaften ist.“
China möchte im hohen Norden Fuß fassen
Politologe Wadym Denyssenko erklärt in einem von Espreso übernommenen Facebook-Post, dass Peking von Moskau mehr erwartet als Energie und Loyalität:
„China wird mit Sicherheit Zugeständnisse verlangen – vor allem in punkto Bereitstellung von Territorien für künftige Infrastruktur des Nördlichen Seewegs. Die Sache ist, dass China bereits seine polaren Handelskarawanen gestartet hat und Schiffe für genau diese Route baut (keine atomgetriebenen Eisbrecher, sondern eben Frachtschiffe). Doch diese Karawanen fahren ohne Zwischenstopps und laufen keine Häfen an – in erster Linie wegen des Mangels an geeigneten eigenen Niederlassungen und logistischer Infrastruktur.“
Grundsteinlegung einer neuen Weltordnung
Xi und Putin arbeiten an der Schaffung einer von den USA unabhängigen neuen Globalisierung, schreibt in Kommersant der Direktor des Instituts für China und das moderne Asien, Kirill Babajew:
„Diese Welt muss ohne Rücksicht auf Drohungen im sozialen Netzwerk Truth Social geschaffen werden, Stück für Stück – durch eine neue internationale Zahlungsinfrastruktur, neue Mechanismen der Handelsregulierung und eine neue Globalisierung. ... Genau eine solche Welt brauchen heute die Länder der weltweiten Mehrheit, und man kann sicher sein, dass Putin und Xi in den nächsten Tagen genau die Wege zur Gestaltung dieser neuen Welt erörtern werden – sei es durch die Strategie der Eurasischen Partnerschaft, die Brics oder die SOZ (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit).“
Im Kontrast erstrahlt der Gastgeber in neuem Licht
China muss nicht viel tun, um gegenüber Trump und Putin geradezu seriös zu erscheinen, meint Interia:
„Im Jahr 2026 stand das Reich der Mitte tatsächlich im Mittelpunkt der Welt. Zuerst reiste Präsident Donald Trump nach Peking. Nun war Präsident Wladimir Putin dort zu Gast. Seltsamerweise wirken beide in Peking wie Bittsteller. ... Vorerst scheint es, dass der chinesische Neoimperialismus, der auf einer – im Zeitalter der sozialen Medien – altmodischen Geduld basiert, am imposantesten wirkt. Noch nie wurden so viele Texte darüber geschrieben, dass China sich seriös und glaubwürdig präsentiert, insbesondere vor dem Hintergrund der nervösen Politik Trumps.“
Wenn zwei mit allen streiten, freut sich der Dritte
Das mittelfristige Ziel von Xi ist für La Stampa klar:
„Er hat sich das nicht allzu ferne Ziel gesetzt, die USA bis 2050 zu überholen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Xi bleibt realistisch und begnügt sich vorerst damit, China als die stabile und verantwortungsvolle Großmacht zwischen den beiden anderen zu positionieren, die in Kriege verwickelt sind, aus denen sie sich nicht befreien können und die in der übrigen Welt Energiekrisen und Handelsspannungen verursachen. Chinas Wachstumsverlangsamung, bedingt durch geopolitischen Widerstand und Konkurrenz im Indopazifik, Überkapazitäten in der Industrie und den demografischen Rückgang, wird durch die Fehltritte und Fehler Russlands und der USA mehr als ausgeglichen. Diese Fehler haben konkrete Namen: Ukraine und Iran.“