Iran-Krieg: Droht eine erneute Eskalation?
USA und Iran haben ihre gegenseitigen Attacken fortgesetzt. Washington bestätigte Angriffe auf Ziele im Iran, Teheran nahm US-Basen in Kuwait und Bahrain ins Visier. Zuvor waren Handelsschiffe in der Meerenge von Hormus unter Beschuss geraten. Trump erklärte die vereinbarte Waffenruhe inzwischen für beendet. Europas Presse analysiert das Risiko einer weiteren Eskalation.
Nicht die letzte Angriffswelle
Der Standard beobachtet:
„Niemand kann ernsthaft überrascht sein, wenn der Waffenstillstand am Persischen Golf nicht hält. Die 'Missverständnisse', die jederzeit zur Wiederaufnahme des Kriegs führen können, sind im skizzenhaften Text des Memorandum of Understanding (MoU) zwischen USA und Iran geradezu angelegt. Auch wenn es diesmal gelingen sollte, die Eskalation wieder zu stoppen: Es wird nicht die letzte gewesen sein.“
Ein Zwischenzustand pendelt sich ein
Weder der Iran noch die USA seien an langen Kämpfen interessiert, stellt NRC fest und fährt fort:
„Das würde darauf hindeuten, dass es doch wieder zu Verhandlungen kommen wird. Allerdings mit weniger Vertrauen als zuvor. ... Beide Extreme des Spektrums zwischen Krieg und Diplomatie sind für Trump schwer zu bewältigen. Deshalb wird sich das Verhältnis zwischen den USA und dem Iran eher dauerhaft in der Mitte einpendeln.“
Teheran behält die Kontrolle
Wenig Handlungsspielraum für Washington sieht Naftemporiki:
„Je höher die Preise an Tankstellen und in Supermärkten in den USA steigen, desto schlechter stehen die Chancen für die Republikaner bei den Zwischenwahlen am 3. November. Trump kann sich einen neuen Kriegsausbruch nicht leisten. Teheran weiß um die Verwundbarkeit des US-Präsidenten und setzt alles daran, dies auszunutzen und ihn zu erpressen. Nicht Washington entscheidet, wann etwas 'vorbei' ist, sondern das Mullah-Regime. Sie schlagen die Trommel, und Trump tanzt. Die militärische Überlegenheit der USA allein kann die Macht des Regimes in Teheran nicht brechen. Solange der Iran die Straße von Hormus mit nur wenigen Drohnen und Raketen kontrolliert und sie als geopolitisches Druckmittel einsetzt, wird das Mullah-Regime das Ausmaß des Konflikts bestimmen.“
Das Regime bleibt hart
Eine festgefahrene Lage beobachtet Dagens Nyheter:
„Die Machthaber in Teheran erkennen, dass Donald Trump die Kosten eines Krieges für zu hoch hält – und dass er nicht auf die umfangreichen Bodenoperationen vorbereitet ist, die nötig wären, um die Straße von Hormus zu erobern oder das angereicherte Uran zu bekommen. Nur wenige Stunden, nachdem er das Ende der Waffenruhe verkündet hatte, erklärte Trump auch, er glaube nicht, dass ein umfassender Krieg wieder aufgenommen werde. Der Iran ist wirtschaftlich und militärisch schwer geschwächt. Doch das Regime hält die Straße von Hormus und – vor allem – die Iraner weiterhin mit eiserner Faust fest.“
Das System wackelt
Nach Ansicht der Neuen Zürcher Zeitung sitzen die neuen iranischen Machthaber keineswegs fest im Sattel:
„Momentan fühlt sich das Regime in Teheran als Sieger, weil es den Krieg gegen die amerikanische Supermacht überlebt hat. Mit einem während Tagen von Massen begleiteten Begräbnis des Revolutionsführers Ali Khamenei beschwor die Theokratie nun ihre Widerstandskraft. Doch nachdem sein Sarg am Donnerstag zur Ruhe gelegt worden ist, geht der Überlebenskampf der Islamischen Republik weiter. Sie ist bei einer grossen Mehrheit der Bevölkerung unpopulär. Und dieses Problem dürfte sich mit dem bisher unsichtbaren neuen Revolutionsführer Mojtaba Khamenei eher noch verschärfen.“
Trump verspielt gerade jegliches Vertrauen
Die Salzburger Nachrichten kritisieren das diplomatische Unvermögen des US-Präsidenten:
„Diplomatie lebt nicht allein von Gesprächen und Vereinbarungen auf Papier – sie braucht zumindest ein Mindestmaß an Vertrauen. Genau diese Grundlage verspielt Trump, indem er das iranische Regime als 'Abschaum' und 'Lügner' beschimpft. Man kann von den Machthabern in Teheran halten, was man will. Wer aber den Anspruch erhebt, den Konflikt diplomatisch beenden zu wollen, sollte seinen Verhandlungspartner nicht öffentlich beleidigen. Das ist das Einmaleins der Diplomatie.“
Teherans Spielraum wird enger
Trotz anderslautender Drohungen dürfte Irans Interesse groß sein, bald an den Verhandlungstisch zurückzukehren, glaubt The Economist:
„Zwei Faktoren könnten die iranischen Generäle zügeln. Der erste ist die militärische Realität. Die jüngsten US-Luftangriffe machen deutlich, dass weder der Krieg noch die Verhandlungen zu einem eindeutigen Ergebnis geführt haben. Gleichzeitig scheinen Irans Nachbarn am Persischen Golf unterdessen eher bereit zu sein, eine härtere Haltung der USA zu unterstützen. Sie drängen ihre Partner in Europa und China dazu, den Druck auf Teheran zu erhöhen. ... Die zweite Kraft ist wirtschaftlicher Natur. Sobald sich die Masse an Trauernden [um den getöteten Obersten Führer Chamenei] aufgelöst haben, wird der Iran weiterhin mit einer fragilen und isolierten Wirtschaft konfrontiert sein.“