Anschlag in Wien: Was kann Europa gegen Terror tun?

Vier getötete Passanten, mehr als zwanzig Verletzte, sechs Tatorte: Wien ist erschüttert vom offenbar radikal-islamistisch motivierten Terroranschlag. Ein Tatverdächtiger, 20 Jahre alt und einschlägig vorbestraft, wurde von der Polizei getötet. Kommentatoren skizzieren die Herausforderungen im Umgang mit dem radikalen Islam und erklären, was Europa besser machen könnte.

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The Irish Times (IE) /

Der Preis einer freien und offenen Gesellschaft

Anschläge wie jener in Wien sind letztlich nicht zu verhindern, glaubt The Irish Times:

„Noch ist unklar, ob der Täter Mitglied des IS war oder ob er Komplizen hatte. Doch es ändert wenig an der Art der Bedrohungen, denen wir alle ausgesetzt sind. ... Derartige Gewaltakte sind letztendlich nicht zu verhindern, wenn wir unsere Städte nicht zu Militärlagern machen wollen. Solche Taten zwingen uns so wie die Corona-Pandemie dazu, schwierige Entscheidungen zu treffen: Wie viel Freiheit wollen wir? Ermöglicht das totale Sicherheit? Wollen wir eine Gefahr minimieren oder vollständig beseitigen? Es ist wie mit der Pandemie: Wenn wir uns dafür entscheiden, offene Gesellschaften zu bleiben und die soziale Durchmischung aufrechtzuerhalten, dann zahlen wir einen Preis. Wir haben keine andere Wahl.“

De Morgen (BE) /

Keinen Kampf der Kulturen heraufbeschwören

In der Debatte um den radikalen Islamismus mahnt De Morgen vor zu großer Polarisierung:

„Natürlich müssen wir unbeirrt unsere Freiheiten und Rechte verteidigen, wenn diese angegriffen werden. Natürlich müssen wir wachsam sein für die Grenzen zwischen extremen Ideen und extremen Gewalttaten. Aber das gelingt auch, ohne dass man die barbarischen Angreifer und die Risiken zu einem Krieg der Zivilisationen hochstilisiert. Denn in diesem Fall begeben wir uns auf das Gebiet der Terroristen. Wer den Feind unseres Rechtsstaats und unserer Kultur größer macht, als er wirklich ist, der riskiert, dass der Feind sich selbst auch für groß und stark hält.“

nv.ua (UA) /

Europäisierung des Islam könnte gelingen

Frankreichs Präsident Macron könnte Erfolg haben mit seinen Vorstellungen eines aufgeklärten Islam, meint Publizist Iwan Jakowyna in nv.ua:

„Wenn Macron in dieser Angelegenheit Erfolg hat, wird der historische Prozess um 180 Grad gedreht. Dann wird es keine Islamisierung Europas geben, sondern eine Europäisierung der islamischen Welt. Und genau das ist die größte Sorge der religiösen und politischen Führer der islamischen Welt. Der Erfolg eines derartigen Vorhabens ist viel gefährlicher für ihre Religion und Zivilisation als die amerikanische Invasion im Irak oder die russische Intervention in Syrien. In der modernen Welt wird der Kampf der Zivilisationen nicht in den Bergen und Wüsten ausgetragen, sondern in den Köpfen der Teenager, die das neueste iPhone in den Händen halten.“

Dnevnik (SI) /

Österreichs Besonnenheit verdient Respekt

Von Schuldzuweisungen war nach dem Anschlag wenig zu vernehmen, zeigt sich Dnevnik beeindruckt:

„Weder auf die einzelne Religionsgemeinschaft noch auf die gesamte Religion zeigte die österreichische Politik gestern mit dem Finger. Die Reaktion der Behörden war von der Entschlossenheit der Alpenrepublik geprägt, ihre bürgerlichen Freiheiten trotz der Tragödie zu wahren und so nach besten Kräften terroristischen Versuchen, die Gesellschaft zu spalten, zu trotzen. Diese Botschaft kam sowohl von der Regierung als auch von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, die den Angriff in Wien auch als Angriff auf sich selbst und auf das interkulturelle Zusammenleben verstanden hat. Für die friedlichen ersten Reaktionen der Gesellschaft und der Politik muss man Österreich allen Respekt zollen.“

Duma (BG) /

Imageschaden für den Balkan

Die nordmazedonischen Wurzeln des Täters könnte ein neues Licht auf den Westbalkan als Brutstätte für Islamisten werfen, fürchtet Duma:

„Dies ist der erste Fall, in dem eine Person aus der Balkanregion einen Terroranschlag in Europa begeht. Bisher kamen die Täter aus Nordafrika und dem Nahen Osten und jetzt kommen sie aus dem Westbalkan - der Schwelle zu Europa. Von nun an wird die Region als Bedrohung wahrgenommen werden. Im Gegensatz zu den Ländern in Nordafrika und dem Nahen Osten sind die Länder des Westbalkans allerdings EU-Beitrittskandidaten. Es wäre kein Wunder, wenn Brüssels Interesse an ihrer EU-Integration nun abkühlt.“

Deník (CZ) /

Es gibt keine Terroristen-Schablonen

Daraus, dass der Terrorist im malerischen Mödling am Rand des Wienerwalds aufgewachsen ist, folgert Deník:

„Wir müssen endlich verstehen, dass es keine direkte Verbindung zwischen Migranten, Muslimen und Attentätern gibt. Dass dieses Übel direkt in unserem Land geboren werden kann, in dem nicht zu verhindern ist, dass religiöser, ethnischer, antidemokratischer oder anderer Hass in Moscheen, Kirchen oder anderswo entsteht. Nicht nur von islamistischem Fanatismus geht Gefahr aus. Viele der Anschläge kamen auch von der nationalistischen Rechten, darunter der bizarre vor vier Jahren in München, bei dem ein deutsch-iranischer Neonazi tötete.“

Svenska Dagbladet (SE) /

Hart gegen Islamisten vorgehen

Svenska Dagbladet fordert entschiedenes Handeln gegen islamistische Strukturen:

„Nehmt den Islamisten das Geld weg. Jeden einzelnen Zuschuss an solche Vereinigungen. Wer uns öffentlich bedroht, muss ausgewiesen werden oder ins Gefängnis. Wie kann die Regierung ihre Bevölkerung vor IS-Rückkehrern schützen? Macht Moscheen dicht, die sich nicht an die Regeln halten. Verbietet die Finanzierung von Moscheen und Imamen durch das Ausland. Und gebt eure Stimme nicht Politikern, die sich weigern, Klartext zu sprechen und das Erforderliche zu tun. Unsere Kinder haben das Recht, in Freiheit und Frieden aufzuwachsen.“

Der Standard (AT) /

Die Erfolge der Vergangenheit als Problem

Dass die österreichischen Sicherheitsbehörden früh und vehement gegen dschihadistische Treffpunkte vorgingen, brachte auch Nachteile mit sich, schreibt der Terrorismusexperte Guido Steinberg im Standard:

„Die Zerschlagung der Strukturen in den wichtigsten Moscheevereinen in Wien, Graz und Linz trug dazu bei, dass die jihadistische Szene alte Treffpunkte aufgab und sich konspirativer verhielt, sodass eine Überwachung durch die Sicherheitsbehörden deutlich schwieriger wurde als in den Vorjahren. Möglicherweise ließ das auch den Attentäter von Wien als nach außen hin weniger gefährlich scheinen, als er wirklich war. Dies sollte im Hinterkopf behalten, wer jetzt die Arbeit des BVT [Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung] kritisiert, denn das Scheitern im aktuellen Fall könnte den Erfolgen in der Vergangenheit geschuldet sein.“

La Repubblica (IT) /

Das sind keine einsamen Wölfe

Hinter diesem Anschlag steckt eine gut vernetzte Organisation, dessen ist sich Gianluca Di Feo, Vize-Chefredakteur von La Repubblica, sicher:

„Die jüngsten dschihadistischen Aktionen in Europa sind ein Signal, dass der islamistische Kampf nicht durch die Niederlage des islamischen Staates besiegt wurde. Hinter der Messerstecherei vom 25. September vor der alten Pariser Redaktion von Charlie Hebdo über die Ermordung von Samuel Paty bis hin zur Enthauptung in der Kathedrale von Nizza zeichnet sich eine einzige, klare Linie ab. ... Es handelt sich nicht mehr um 'einsame Wölfe', die von der Online-Propaganda des fundamentalistischen Hasses zum Töten getrieben werden. Hinter den Tätern skizzieren die Ermittler grenzüberschreitende Netzwerke, die in der Lage sind, logistische Unterstützung und Geld zu garantieren.“

Die Presse (AT) /

Die Antwort heißt Zusammenhalt

Ziel der Terroristen ist es, Angst zu verbreiten und unbedachte Reaktionen zu provozieren, warnt Die Presse:

„Radikale Islamisten wollen einen Kampf der Kulturen herbeischießen. ... Ihnen kommt es gelegen, Islam-Feindlichkeit zu schüren. Denn so wollen sie auch gemäßigte Muslime auf ihre Seite ziehen. ... Wer im Zorn über das Ziel hinausschießt und pauschal verurteilt, betreibt das Spiel der Terroristen. ... [Es kann] nur eine Antwort geben: Zusammenhalt, Besonnenheit und Stärke. Auch wenn der Schock noch für längere Zeit tief in den Knochen sitzen wird. Die Österreicher und alle, die in diesem Land leben, egal welcher Religion sie angehören und woher sie kommen, werden sich von ein paar Attentätern nicht auseinanderdividieren lassen.“