Rahmenabkommen für Grönland: Kann Europa aufatmen?
US-Präsident Donald Trump hat nach einem Gespräch mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte in Davos seine Androhung von Strafzöllen gegen europäische Staaten zurückgenommen. Er habe sich mit Rutte auf einen Rahmen für ein mögliches Abkommen über Grönland geeinigt, erklärte Trump. Medienberichten zufolge soll es um eine Neuausarbeitung des Verteidigungsabkommens von 1951 zwischen den USA und Dänemark für die Arktisinsel gehen.
Das Glück besser nicht auf die Probe stellen
Europa ist mit einem blauen Auge davongekommen und sollte nun nichts tun, was Trump aufregen könnte, rät The Spectator:
„Absolut nichts zu tun, ist eine Aufgabe, die den Fähigkeiten der derzeitigen europäischen Führung durchaus entspricht. Absolut nichts zu sagen, ist etwas, worin sie weniger geübt ist. ... Es gibt eine Vielzahl von Maßnahmen, die die Europäer zum jetzigen Zeitpunkt ergreifen könnten, um zu signalisieren, dass sie sich nicht herumschubsen lassen, doch die meisten davon sind wenig substanziell. Aber die Option, einfach nichts zu tun, steht ebenfalls zur Debatte, und ausnahmsweise könnte der Weg des geringsten Widerstands genau der richtige sein. Das mag zaghaft oder feige erscheinen, aber vielleicht ist das vorerst unser Schicksal.“
Kein brillanter Deal, sondern ein Rückzug
Nach Meinung von Dagens Nyheter kann von Entspannung nicht gesprochen werden:
„Eines sollte klar sein: Das ist kein brillanter Deal, sondern ein Rückzug. Nicht Ruttes Einreden auf 'Daddy', sondern der Mut der Dänen, sich dem Tyrannen entgegenzustellen, hat Wirkung gezeigt. Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass wir den Widerstand fortsetzen müssen – und zwar gegen den Anführer jenes Landes, das eigentlich unser wichtigster Verbündeter sein sollte. Es ist ein Mann, der Artikel 5 niemals glaubwürdig machen kann. Die Nato hat Davos überlebt. Aber die Nato, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Unsere militärische Aufrüstung muss massiv beschleunigt werden.“
Verhandlungsbereitschaft ist ein Fortschritt
Europa sollte die jüngsten Entwicklungen als Chance betrachten, meint El Mundo:
„Die Geste deutet auf Verhandlungsbereitschaft hin, was im Gegensatz zu Trumps bisheriger konfrontativer Rhetorik steht und einen Fortschritt bedeuten würde. ... Dieser Fortschritt geht jedoch mit besorgniserregenden Anzeichen einher. Stunden zuvor bekräftigte Trump seine unerträgliche Verachtung für Europa, die sich in drei Punkten manifestierte: seinem strategischen Interesse an der arktischen Insel, seiner Bereitschaft, einen ungerechten Frieden für die Ukraine durchzusetzen, und seiner Missachtung der Nato. ... Europa muss den Rahmen einer Vereinbarung über Grönland als Chance zur Stärkung seiner strategischen Position begreifen, nicht als Garantie für Stabilität. Trumps Unberechenbarkeit mahnt zur Vorsicht.“
So ist Trump zu stoppen
Für L’Echo war die Reaktion der Märkte ausschlaggebend:
„Man muss sich auch klar machen, dass das, was Donald Trump aufgehalten hat, vor allem die negative Reaktion der Märkte war, wie schon am Tag nach dem Liberation Day im April 2025, als der US-Präsident seine Zölle ankündigte. Auf dem Höhepunkt der Spannungen am Dienstag kam es an der Wall Street zu für das Weiße Haus beunruhigenden Verkaufsbewegungen. Eine Analyse eines Experten der Deutschen Bank hob das Risiko der USA hervor, dass europäische Investoren einen Teil der 8000 Milliarden Dollar an US-Staatsanleihen, die sie halten, abstoßen könnten. ... Eine starke und geschlossene politische Haltung begleitet von einer Reaktion der Märkte – das sind die Zutaten, um den US-Präsidenten aufzuhalten.“
USA sind kein Verbündeter mehr
Der Publizist Sorin Cucerai meint auf der Webseite von republica.ro, dass sich die EU vom Gedanken verabschieden muss, dass das Nato-Bündnis mit den USA dauerhaft zu halten sein wird:
„Für die Europäer ist Amerika kein Verbündeter mehr, sondern nur noch ein Partner. In bestimmten Bereichen wird die Partnerschaft eng sein, in anderen weniger eng, und in einigen weiteren wird man im direkten Wettbewerb stehen. Doch eine Allianz wird es nicht mehr geben. Praktisch kehren wir zur Beziehung zurück, die es vor dem Zweiten Weltkrieg zwischen Europa und den USA gab. Denn Europa hat seine strategische Autonomie (wieder)erlangt. So, dass die Sicherheitsgarantien für die Europäer nicht mehr aus Washington kommen, sondern aus Brüssel.“
Finnland hilft gerne, das Eis zu brechen
Der Streit um die Arktis könnte sich für Helsinki wirtschaftlich auszahlen, spekuliert Kauppalehti:
„Finnische Werften haben einst Dutzende von Eisbrechern und eisgängigen Schiffen für die Sowjetunion und Russland gebaut, sodass es auch im Interesse Finnlands liegt, die Präsenz seines Verbündeten USA in der Arktis zu stärken. ... In Davos wurde diese Woche über die Stärkung der Nato-Präsenz in der Arktis gesprochen und auch darüber, die steigenden Verteidigungsausgaben für europäische Eisbrecher einzusetzen. Wenn man dieser außergewöhnlichen Situation etwas Positives abgewinnen will, dann ist es die Möglichkeit, dass Finnland neue Aufträge für Eisbrecher bekommt und es eine berechtigte Aufmerksamkeit für die Sicherheit in der Arktis gibt.“