Portugal: Enthüllender Wahlkampf nach tödlichem Sturm
Der Sturm Kristin hat in Portugal zu Todesopfern und schweren Schäden an Gebäuden und Infrastruktur geführt. Vorhergesagt sind weitere Unwetter. Der Umgang mit der Katastrophe ist zudem das alles bestimmende Thema im Präsidentschaftswahlkampf: Am Sonntag findet die Stichwahl zwischen dem Sozialisten Antonio José Seguro und dem Rechtspopulisten André Ventura statt.
Ein bizarres Spektakel
Die Wahlkampagne steht nun allein im Zeichen des Umgangs mit dem Unwetter, beobachtet Observador:
„Ein Wirbelsturm hat die Politik erfasst. Nachdem sich die Kandidaten der Rechten in der ersten Runde mit ungewöhnlichem Erfolg gegenseitig neutralisiert hatten, führen Ventura und Seguro nun aus meteorologisch-politischen Gründen den seltsamsten Wahlkampf, den wir je gesehen haben: Sie ignorieren sich gegenseitig, als wären sie Kandidaten in einem anderen Land. Sie sprechen über das Wetter, kritisieren die Regierung und versuchen um jeden Preis das Risiko eines Fehltritts zu vermeiden. Der Wind, der Dächer abgedeckt hat, hat Seguro und Ventura den Boden unter den Füßen weggezogen.“
Ventura auf Stimmenfang in den Trümmern
Jornal de Notícias vergleicht das Agieren der beiden Kandidaten:
„Seguro besuchte gleich am ersten Abend die Katastrophengebiete, ohne Begleitpersonal, ohne Journalisten. Ventura entschied, dass eine Katastrophe der ideale Schauplatz für seinen Medienzirkus ist, einschließlich Selfies inmitten der Trümmer, flammender Reden und ein paar Paletten mit Wasserflaschen. Er verlegte seinen Wahlkampf mitten ins Unglück und versuchte, sich das Image eines Mannes der Stunde zu verschaffen. In Wirklichkeit ist er ein Raubtier, das den Geruch von Stimmen wittert. ... Sollte jemand noch Zweifel haben, sollte er sie jetzt ausräumen: Es ist der Vorsitzende der Chega-Partei, der mit seiner Demagogie auf der falschen Seite der Geschichte steht.“
Seguro zeigt Größe
Público glaubt, dass die Portugiesen dem sozialistischen Kandidaten auch in schwierigen Zeiten vertrauen können:
„Seguro ordnete an, die Musik bei den Kundgebungen zu unterbrechen, die Feierlichkeiten zu reduzieren, und unterbreitete konkrete Vorschläge zur Unterstützung der Bevölkerung, die die Regierung zur Rede stellt und derzeit einen deutlichen Kontrast zu einer apathischen und 'lernenden' Exekutive bildet. Er kritisierte die Regierung für ihren Umgang mit der Krise, was am Samstag noch deutlicher wurde: 'Die Solidarität der Portugiesen kann die Verantwortung des Staates nicht ersetzen.' ...Diese 'Wahlkampagne', die niemand wollte, verrät viel mehr über ein künftiges Staatsoberhaupt als jede mitreißende Rede vor euphorischen Anhängern.“